Der ungebrochene Drang zur Kunst: Daniel Spoerri wird 85

Brotrinden, Kippenstummel, leere Weinflaschen: Was andere wegwerfen, machte Daniel Spoerri zu Kunst und hängte volle Tischplatten an die Wand. Diese «Fallenbilder» machten den schweizerisch-rumänischen Künstler in den 1960er-Jahren als Erfinder der «Eat Art» berühmt. Heute wird Daniel Spoerri 85.

Ein Mann in rotem Pullover schaut in die Kamera.

Bildlegende: Daniel Spoerri lebt für die Kunst: Jeden Tag macht er ein neues Kunstwerk, ein sogenanntes «Eintagskästchen». Keystone

Langeweile? Ein Fremdwort für den Künstler Daniel Spoerri. Auch mit 85 ist er noch umtriebig. Wenn er nicht gerade eine Ausstellung vorbereitet, gestaltet er jeden Tag eines seiner «Eintagskästchen»: Das sind kleine Assemblagen, also dreidimensionale Collagen, in kästchenähnlichen Bilderrahmen. Darin arrangiert er skurrile Gegenstände wie tierische Skelette, alte Schlüssel, kitschige Plastikblumen oder Voodoo-Püppchen zu Kunstwerken und erweckt sie so zu neuem Leben.

Ein Mann steht vor zwei Tischplatten, die vertikal an der Wand hängen.

Bildlegende: Daniel Spoerri 1972 im Helmhaus Zürich. Keystone

Bekannt wurde Daniel Spoerri Anfang der 1960er-Jahre mit seinen «Fallenbildern»: Collagen aus Alltagsgegenständen wie Essensresten, benutztem Geschirr oder leeren Weingläsern, die er auf eine feste Unterlage klebte und an die Wand hängte. Mit diesen eingefrorenen Momentaufnahmen ging er als Erfinder der «Eat Art» in die Kunstgeschichte ein. Heute, mit über 50 Jahren Abstand, kann Spoerri ästhetisch gesehen nicht mehr so viel mit seinen Fallenbildern anfangen. Er mag es nicht, wenn man ihn darauf reduziert.

Barbies und Totenköpfe

Spoerri ist ein leidenschaftlicher Sammler. Er sucht und findet die kuriosesten Dinge. Dinge, die sonst im Müll landen würden. Antike Kinderschühchen, Spazierstöcke, Fleischwölfe, historische Nackenstützen, kaputte Porzellanpüppchen, Barbies, ausgestopfte Tiere oder menschliche Totenschädel.

Er bekommt sie von Spezialisten, von Tierpräparatoren zum Beispiel, Kuriositätenkabinetten oder vom Flohmarkt, wo er auch heute noch leidenschaftlich gerne stöbert. Am liebsten auf dem Samstagsflohmarkt in Wien, seiner Wahlheimat. «Ich habe an die 200 Sparschäler und jeder ist anders. Das zeigt, dass der Mensch immer etwas verändern, verbessern oder auch verschlechtern muss. Das ist es, was mich fasziniert.»

Voll und ganz für die Kunst

Exzessives Sammeln – das bestätigt einem jeder Psychologe – hat etwas Zwanghaftes. Aber Daniel Spoerri sammelt nicht um des Sammelns willen. Und wenn hier überhaupt von Zwang die Rede sein soll, dann kann man dem Künstler am ehesten einen zwanghaften Drang zum Produzieren von Kunst attestieren.

Daniel Spoerri lebt voll und ganz für die Kunst. Für den Markt interessiert er sich nicht. Das braucht er auch nicht, denn Spoerri wird längst als Kunstikone des 20. Jahrhunderts gehandelt. Gegen einen Gerhard Richter sei er allerdings ein «finanzielles Würstchen», sagt der Künstler. Dennoch, seine Werke sind immerhin zwischen 20'000 und 80'000 Euro wert.

Spoerri kommentiert Hirst

«Sag nur sterbend ja», eine von Spoerris aktuellen Arbeiten, besteht aus zwei verwest wirkenden menschlichen Totenschädeln, die mit geschredderten Geldscheinen besetzt sind. Dass es sich hierbei um einen zynischen Kommentar zum Hype um den britischen Bildhauer Damien Hirst handelt, liegt auf der Hand. Hirsts Skulptur «For the Love of God», ein mit über 8000 Diamanten besetzter Platinabguss eines Totenschädels im Wert von 75 Millionen Euro, gilt als teuerstes Werk der zeitgenössischen Kunst.

Ansonsten ist Daniel Spoerri aber alles andere als zynisch. Seine Kunst ist eher melancholisch, geheimnisvoll morbide und gleichzeitig absurd. Wie zum Beispiel «Alpha & Omega», eine aktuelle Installation, die an die Endlichkeit erinnert: Auf über dreissig unterschiedlichen Kinderstühlchen thronen Totenschädel, die einen anstarren.

Eine Form der Überlebenskunst

Ein Objekt, bestehend aus einem Totenschädels mit Pupillen, auf seinem Kopf eine Muschel, die wie eine Perücke aussieht.

Bildlegende: Das Schädelmotiv ist bei Spoerri allgegenwärtig. Flickr/Lorenz Seidler

Das Schädelmotiv ist allgegenwärtig im Werk von Spoerri – als ständige Ermahnung an den Tod. Wenn man seine Biografie kennt, wundert das nicht. Als Spoerri elf Jahre alt war, wurde sein Vater Isaac Feinstein von den Nazis ermordet. Daraufhin flüchtete Daniel Spoerri mit seiner Mutter von Rumänien in die Schweiz.

Eine traumatisierende Erfahrung, die man im Grunde gar nicht verarbeiten kann. Dennoch – oder gerade deshalb – scheint es, als wäre Spoerris Kunst ein ständiger Kampf gegen die Zeit und die Vergänglichkeit. Eine Form der Überlebenskunst? «Der Gedanke, meinem Leben selber ein Ende zu setzen, war immer da bei mir. Ich habe mich auch ehrlich gesagt gewundert, dass andere das nicht für sich in Betracht ziehen. In diesem Sinne stimme ich da zu: Kunst als Überlebenskunst.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 27.3.15, 17.10 Uhr