Die Nackten von Schiele und Saville fordern den Betrachter heraus

Egon Schiele schockiert um 1900 mit Bildern von sich und anderen – nackt. Die entblössten Körper sind teils krankhaft mager, die Gliedmassen verrenkt. Im Kunsthaus Zürich treffen seine Bilder auf die Gemälde fettleibiger Frauen von Jenny Saville. Eine gelungene Begegnung über ein Jahrhundert hinweg.

Das Gesicht ausgemergelt, die Augen weit aufgerissen, der Körper gewunden wie in ewigem Schmerz: So malte sich Egon Schiele in unzähligen Selbstbildnissen. Auch die vielen Frauen, die er malte und zeichnete, die Mädchen mit entblösstem Geschlecht, die Mutter-Kind-Szenen haben etwas Versehrtes, wirken verstörend und verstört. Die Zeitgenossen hielten schlicht für obszön, was der 1890 in Niederösterreich geborene und bereits 1918 verstorbene Egon Schiele auf Papier und Leinwand brachte.

Bis heute haben Schieles expressive Bilder nichts von ihrer Bannkraft verloren. Die ungeschönte Körperlichkeit rührt unser Schamgefühl und überfordert uns, glaubt Oliver Wick, Kurator am Kunsthaus Zürich. Schiele, dessen Werk auf dem Kunstmarkt Höchstpreise erziehlt, wird in Ausstellungen meist als eigenwilliges I-Tüpfelchen der eigentlich ganz gemütlichen Wiener Moderne rezipiert. Seine Radikalität werde wegkuratiert, sagt Wick, der es anders machen wollte. Er wollte Schiele als kompromisslosen Künstler zeigen. Als einen, der über seine Zeit hinausweist. So entstand das Konzept, den klassischen Modernen mit einer Gegenwartsposition zu kombinieren: mit Jenny Saville.

Jenny Savilles unförmigen Körpermassen

Jenny Saville, 1970 in Cambridge geboren, füllt übergrosse Leinwände mit gewaltigen Körpermassen. Unförmige Körper breiten sich auf den Bildern aus. Auch sie haben etwas Verletztes: Verzerrt, verdreht, partienweise verdoppelt wirken die gemalten Fleischmassen wie zerrissen, zerschnitten und allzu sorglos wieder zusammengesetzt.

Ein Eindruck, der nicht von ungefähr kommt. Jenny Saville interessiert sich für plastische Chirurgie und hat schon mehrfach einem befreundeten Schönheitoperateur über die Schulter geschaut. In den Bildern der englischen Künstlerin stehen die Schnitte und Verwerfungen jedoch nicht nur für eine Auseinandersetzung mit dem Schönheitsdiktat der Photoshop-Gesellschaft. Saville erkundet, ähnlich wie Schiele, in ihren schockierenden Bildern vom Körper auch das verletzliche Seelenleben des Menschen.

Savilles Porträts: mehr als gemalte Selfies

Saville malt vorwiegend nach Fotos von Modellen. Schiele beäugte sich unablässig im Spiegel. Mit diesem Hang zur Selbstbeobachtung erscheint er heute, im Selfie-Zeitalter, höchst modern. Doch dürften wohl die wenigsten Foto-Selfies mit derart forschendem, unbarmherzigem Blick aufgenommen werden, wie ihn Schiele besass.


Egon Schiele im Kunsthaus Zürich

3:37 min, aus Kultur kompakt vom 10.10.2014

Die Ausstellung Schiele-Saville inszeniert eine gelungene Begegnung über ein Jahrhundert hinweg. Die beiden Kunstschaffenden eint nicht nur das Interesse am menschlichen Körper, seiner Verletzlichkeit, seiner Ausdruckskraft. Beide sind auch sehr expressive Gestalter. Schiele, das verdeutlicht die Schau mit vielen Arbeiten auf Papier, war vor allem ein hervorragender Zeichner, dessen fiebrig-präzise Linienführung die Basis seines Werkes bilden. Bei Saville indes brodeln die gemalten Körpermassen vor ungestümer Malerei.

Die Ausstellung

Die Ausstellung «Egon Schiele – Jenny Saville» ist bis 25. Januar 2015 im Kunsthaus Zürich zu sehen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Nackt-Selfies des Egon Schiele

    Aus Kulturplatz vom 26.11.2014

    Egon Schieles Selbstporträts sind keine harmlos geglätteten Selbstverschönerungen, der Künstler wirft darin einen schonungslos sezierenden Blick auf sich selbst. Auch bei den kraftvollen Porträts der 1970 geborenen englischen Malerin Jenny Saville schimmern ihre eigenen Gesichtszüge häufig durch. Eine Schau im Zürcher Kunsthaus setzt die beiden Maler einander gegenüber. Die Beweggründe der Künstler, sich mit ihrem Abbild auseinanderzusetzen, sind radikal andere als in der heutigen Selfie-Kultur. «Kulturplatz» fragt, ob es trotzdem Parallelen gibt.

    Uta Kenter

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