Die Surrealisten der Vorzeit

Hat die Kunst der Vorzeit die moderne Kunst inspiriert oder gar massgeblich beeinflusst? Eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau lässt diese Frage aufkommen. Gezeigt werden bis zu 40‘000 Jahre alte Felsmalereien aus allen Weltgegenden – abgemalt auf Leinwand und in Originalgrösse.

Sie sind wie geheimnisvolle Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit: die Höhlenmalereien der Jäger und Sammler. Menschliche Figuren, Tiere, Jagdszenen, aber auch abstrakte Formen. Bis zu 40‘000 Jahre alt sind diese Zeugnisse aus Australien, Spanien, Skandinavien oder Afrika – die Frühzeit menschlicher Gestaltungskraft.

Leo Frobenius‘ Expeditionen

Die Ausstellung «Kunst der Vorzeit» im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt seit Anfang Jahr bis zu zehn Meter lange, auf Leinwand festgehaltene Kopien solcher Höhlenmalereien und Felsbilder.

Entstanden sind die Felsbildkopien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damals führte der deutsche Ethnologe Leo Frobenius Expeditionen in allen Weltgegenden durch. Ziel war es, die vorzeitlichen Höhlenmalereien und Felsbilder auf Leinwand festzuhalten. Diese Arbeit erledigten vor allem junge, wohlhabende Damen – ausgebildete Künstlerinnen, die genug Geld hatten, um die Reisen selber zu finanzieren.

Mirò und Klee direkt neben den Felsbildern

Die Bilder sind Kunstwerke an sich, obwohl sie ursprünglich nur als wissenschaftliche Dokumentation gedacht waren. Umso wertvoller sind sie heute, da einige der Originale auf den Felswänden nicht mehr vollständig vorhanden sind.

Was die Urkünstler mit den Felsbildern aussagen wollten, bleibt Spekulation. Unbestritten ist jedoch ihr Einfluss auf Künstler des 20. Jahrhunderts. Dies zeigte sich schon in den 1930er-Jahren. Damals zeigte Leo Frobenius die Felsbildkopien in ganz Europa und Amerika. Im New Yorker Museum of Modern Art etwa wurde diese «Kunst der Vorzeit» 1937 in einer legendären Ausstellung mit der Kunst der Moderne kombiniert.

Der Einfluss der Vorzeitkunst auf die moderne Kunst

Die Maler der klassischen Moderne zeigten sich angesichts der Felsbilder tief beeindruckt. Mirò sagte etwa, die moderne Kunst befinde sich seit den Höhlenmalereien im Niedergang. «Wir haben nichts dazugelernt», soll Picasso angesichts der radikalen Abstraktion ausgerufen haben. Giacometti meinte, nur damals sei Bewegung tatsächlich gelungen.

Bei einigen Künstlern der Moderne zeichnete sich die Wirkung dieser Ausstellungen auch deutlich in ihrem Schaffen ab: So gab es beispielsweise im Werk von Willi Baumeister um 1930 einen Stilwechsel. Zweifellos kann man von da an verschiedene von den Felsbildern bekannte Techniken und Gestaltungselemente bei seinen Kunstwerken erkennen.

Lebten die Väter der modernen Kunst vor 40‘000 Jahren?

Bei anderen Künstlern war und ist die Beeinflussung subtiler. So etwa bei Jackson Pollock, der selbst zu den Höhlen ging um sich inspirieren zu lassen. Seine grossformatigen «drip paintings» erinnern zuweilen auch an die prähistorischen «Wimmelbilder» an den Felswänden.

Waren die Urheber dieser bis zu 40‘000 Jahre alten Felsbilder also die wahren Väter der modernen Kunst? Ausser Frage steht, dass die zahlreichen Werkschauen der Felsbilder von Leo Frobenius einen regen Diskurs zu den Anfängen der Kunst und der menschlichen Kreativität in der Kunstszene des 20. Jahrhunderts befeuerten.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung Kunst der Vorzeit -Felsbilder aus der Sammlung Frobenius im Martin-Gropius-Bau in Berlin ist noch bis zum 16. Mai 2016 zu sehen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Am Nullpunkt der Kunst - die Bildwelten der Jäger und Sammler

    Aus Kulturplatz vom 13.4.2016

    Menschen auf der Jagd, Tiere, mysteriöse Mischwesen sind die Motive auf den Felsbildern, die der Ethnologe Leo Frobenius vor rund 100 Jahren in Echtgrösse abmalen liess. Diese jungsteinzeitlichen Bildwelten, momentan in Berlin ausgestellt, faszinieren uns heutige Menschen durch ihre Rätselhaftigkeit, mehr noch aber durch ihre Modernität. Unweigerlich vergleichen wir sie mit Klee oder Mirò. Was uns diese Bilder über die Jäger und Sammler verraten und ob die Kunst nach 40 000 Jahren wieder am selben Punkt angelangt ist, erzählt der Direktor des Martin Gropius-Baus.

    Igor Basic

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