Die Wiederentdeckung der Lochkamera

Der Bildband «Out of Focus» zeigt, wie Künstler die Urform aller Kameras kreativ einsetzen. Das Buch von Peter Olpe macht deutlich, dass die Bilder von Lochkameras von erstaunlicher Plastizität sind: Ein Gegenentwurf zur digitalen High End-Fotografie, der gerade eine Renaissance erlebt.

Wer heute versucht, eine Kamera zu kaufen, hat die Qual der Wahl: Man muss sich erst mal durch den Dschungel der digitalen Megapixelwelt kämpfen. Ausserdem wird die Fotografie ein immer banaleres Medium, weil jedes Smartphone heute in Sekundenschnelle das Fotografieren und Verbreiten der Bilder via Internet erlaubt.

Back to the Roots

Beide Entwicklungen, die ungeheure Bandbreite technischer Möglichkeiten wie auch die Banalisierung der Bilder, wecken die Lust an einer neuen Einfachheit, an einer Rückbesinnung auf die Wurzeln des Mediums. Anders kann man es sich nicht erklären, warum Künstler und Fotografen plötzlich Spass an der primitiven Urform aller Kameras finden: An der Lochkamera.

Die Welt steht Kopf

Das nämlich beweist nun ein ausgesprochen reizvoller Bildband zur Lochkamera: Konzipiert hat ihn Peter Olpe, langjähriger Lehrer an der Grafikklasse der Basler Schule für Gestaltung, unter anderem auch für Ausbildungszwecke. Olpe baute seit 1975 Lochkameras aus Karton, die alle auf dem seit bald 1000 Jahren bekannten Prinzip der Camera Obscura funktionieren: In einem dunklen Raum mit kleinem Loch bildet sich die Aussenwelt auf dem Kopf stehend ab.

Lochkameras für Big Shots

Olpe hatte im Laufe der Jahre zahlreiche Lochkameras konstruiert. Im Zuge einer Aufräumaktion bot er sie dem Kameramuseum in Vevey an. Um die Ausstellung noch attraktiver zu machen, gab er seine Kameras im Vorfeld einer ganzen Reihe von Künstlern und Fotografen, international bekannten wie Alec Soth oder Herlinde Koelbl und Oliviero Toscani ebenso wie jüngeren oder auch Filmemachern, etwa Clemens Klopfenstein. Sie sollten die jeweilige Kamera für Aufnahmen nutzen - und diese Aufnahmen sind nun im Band nebst den Kameras abgebildet.

Der papierne Kontrapunkt zum digitalen Bilderstrom

Das Experiment hat die Beteiligten sichtlich herausgefordert, und so unterschiedlich die jeweiligen Ästhetiken sind, so erstaunlich die Qualität und Plastizität der Aufnahmen. Ein faszinierender Kontrast zum Bilderstrom im Internet.

Dass der Band jüngst mit dem deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet wurde, ist nicht weiter verwunderlich: Denn er ist nicht nur liebevoll und sorgfältig gestaltet, sondern enthält nebst Lochkamera-Fotografien auch präzise Anleitungen für Bastler.

Buchhinweis

Peter Olpe (Gestaltung): «Out of Focus: Lochkameras und ihre Bilder.» Niggli Verlag, 2012.