Die Wucht der Alpen vor 140 Jahren

Als der Alpinismus noch jung und die Fotoausrüstung mordsmässig schwer war, brachte der Schweizer Hochgebirgsfotograf Jules Beck umwerfende Bilder ins Tal. Die grossartigen Aufnahmen von Gletschern und Gipfeln sind nun in einem prächtigen Buch versammelt.

Jules Beck ist 41 Jahre alt - als er sich etwas ganz Grosses vornimmt: er will die Alpen fotografieren. Und zwar alle. 1866 war das ein absolutes Wahnsinns-Projekt: der Alpinismus steckte noch in den Kinderschuhen, die Alpen waren nicht mit Bergbahnen erschlossen und die Kameras mit Stativen und Glasplatten waren höllisch schwer.

Vom Höhenfieber gepackt

Aber Jules Beck, der 1825 in Biel zur Welt kam und in Bern und Strassburg aufwuchs, muss unheilbar vom Höhenfieber gepackt worden sein: 24 Jahre lang klettert er in den Alpen, über kolossale Gletscher, ausgesetzte Grate und wilde Felsschründe hinauf auf Gipfel.

Er positioniert seine Kamera auf unsicherem Terrain und im Schnee. Die Belichtungszeit ist viele Minuten lang. Weil die schwere Kamera oft im Schnee einsinkt oder der Sturm am Stativ rüttelt, muss Jules Beck damit rechnen, dass die Aufnahmen misslingen.

Die Städter sehen die Bergwelt zum ersten Mal

Doch Jules Beck ist ein meisterlicher Hochgebirgsfotograf. Er bringt grossartige Aufnahmen mit ins Tal: Die Südwand des Eigers, das Schreckhorn, die Spitze des Mönchs. Für die Menschen im Tal und vor allem für die Städter sind das umwerfende Aufnahmen. Plötzlich können sie an einer völlig unbekannten Welt teilnehmen. Das Hochgebirge ist rau und voller Dramatik.

Jules Beck nummeriert alle 1000 Negative und versieht sie akribisch mit der genauen Position der Kamera. Tagebuchartig hält er mit Witz und einer grossen Portion Selbstironie allerlei Details fest: «Temperatur, Aussicht und sonstige Beschaffenheit des Himmels liessen nichts zu wünschen übrig. Ich hatte alle Musse, mich dem grandiosen Schauspiel hinzugeben, während mein Stativ verräterischer Weise tiefer in den Schnee sank und sich die Bilder leider drei- und vierfältig auf meiner Platte hinzauberten.»

Eine alpine Landschaft vor der Verwüstung

Seinen gesamten Nachlass hat der kinderlose Jules Beck dem Alpinen Museum in Bern geschenkt. Diesen Schatz haben der ehemalige Museum-Direktor Urs Kneubühl und der Fotohistoriker Markus Schürpf  gehoben und daraus ein wunderbares Buch gemacht. «Jules Beck - der erste Schweizer Hochgebirgsfotograf» enthält Aufnahmen, die  heute vielleicht noch umwerfender sind als vor 140 Jahren,  denn sie zeigen in aller Wucht eine alpine Landschaft, vor der Verwüstung durch den Skitourismus.