Durch Leica sah die Welt plötzlich anders aus

Sie ist die Mutter aller Schnappschüsse: die Leica-Kamera. Vor 100 Jahren wurde die erste Kleinbildkamera erfunden. Sie ebnete den Weg für die moderne Art zu fotografieren: ohne Kunstlicht, schnell und mobil. Und: Die berühmtesten Bilder des 20. Jahrhunderts wären ohne die Leica nicht denkbar.

Im März 1914 notierte Oskar Barnack, der Erfinder der Ur-Leica: «Mikro Liliputkamera mit Kinofilm fertig.» Der Angestellte bei den Optischen Werken Leitz im deutschen Wetzlar hatte schon seit Längerem an einer Kleinbildkamera getüftelt. In seiner Freizeit war er Wanderer und Hobbyfotograf, doch dem Asthmatiker waren die bis dahin gebräuchlichen Platten- und Rollfilmkameras zu schwer, zu gross und zu unhandlich.

Bis die erste Leica auf den Markt kam, dauerte es nochmals elf Jahre. 1925 war es so weit. Mit seiner nur 400 Gramm leichten Kleinbildkamera revolutionierte Barnack die Fotografie: Die neue Bildsprache war dynamisch, nicht mehr statisch. Man fotografierte jetzt mobil aus der Hand; früher arbeitete man mit Stativ. Nun nutzte man das natürliche Licht; zuvor wurde sorgsam Kunstlicht eingesetzt. Plötzlich waren Schnappschüsse möglich: Die Leica hatte Platz in jeder Manteltasche und ermöglichte das Bild im entscheidenden Moment.

Das «Neue Sehen»


Zu Besuch bei Leica-Liebhaber Claudio Fabio

3:53 min, aus Kultur kompakt vom 04.12.2014

Gleich in den 1920er-Jahren entwickelten fortschrittliche Fotografinnen und Fotografen das sogenannte Neue Sehen. Sie spiegelten die gesellschaftlichen Auf- und Umbrüche ihrer Zeit in extremen Perspektiven, die es zuvor nie gegeben hatte. Plötzlich wuchsen Fabrikschlote ins Unendliche, flog eine Kunstturnerin in den Himmel, raste eine unscharfe Dampflock diagonal durchs Bild.

Der Bildband «Augen auf! 100 Jahre Leica» zeigt die Fotos der ganz grossen Fotografen des 20. Jahrhunderts wie Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Robert Frank oder René Burri. Der Herausgeber Hans-Michael Koetzle hat aber auch Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die hierzulande kaum oder gar nicht bekannt sind. Sie stammen aus Argentinien, Japan, Spanien, Italien und der Türkei. Eines ist ihnen gemeinsam: Sie alle mischen sich ein, beziehen mit ihrer Kamera Stellung, viele wollen aufklären und entwickeln dafür immer wieder neue künstlerische Formen.

Im kollektiven Bildgedächtnis

Manche Bilder haben sich ins kollektive Bildgedächtnis eingebrannt. Beispiel Vietnam-Krieg: Nie zuvor und nie danach konnten Journalisten so ungehindert über einen Konflikt berichten wie in Vietnam. Das Bild des nackten, napalmverbrannten, weinenden Mädchens von Nick Út ging 1972 um die Welt.

Beispiel Italien: 1969 erschien eine Buch-Reportage von Carla Cerati und Gianni Berengo Gardin über die Lage von psychisch Kranken. Das Buch provozierte heftige Diskussionen und führte am Ende tatsächlich zu Reformen im italienischen Gesundheitswesen.

Schliesslich verlor Leica, die einst so innovative Firma, den Anschluss an die technische Entwicklung. Noch vor zehn Jahren sagte der damalige Leica-Vorstandschef, die Digitalkamera sei nur ein Intermezzo. Der Bildband «Augen auf! 100 Jahre Leica» fragt nicht nach der Zukunft der Fotografie, sondern gibt zahlreiche eindrückliche Einblicke in ihre Vergangenheit.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 27.11.2014, 17:06 Uhr

Buchhinweis

«Augen auf! 100 Jahre Leica», hg. von Hans-Michael Koetzle. Kehrer-Verlag, 2014.