Ein baubiologisches Wundermittel: Lehm begeistert Architekten

Lehm ist günstig, kommt überall vor und aus ihm lassen sich stabile Häuser bauen. Martin Rauch ist von den Qualitäten von Lehm als Baustoff überzeugt. Deshalb hat er sich ein Haus bauen lassen, das zu 85 Prozent aus Lehm besteht.

Fassade aus Lehm.

Bildlegende: Fassade des Ricola Kräuterzentrums, gebaut von den Architekten Herzog & de Meuron und dem Lehmbauer Martin Rauch. Keystone

An der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst hat Martin Rauch Keramik studiert und sich irgendwann darüber gewundert, wie viel Energie das Brennen braucht. Gleichzeitig hat er als Entwicklungshelfer mit seinen älteren Geschwistern in Afrika darüber gestaunt, dass es Bauweisen gibt, die auch mit wenigen Ressourcen funktionieren.

So hat der Vorarlberger 1983 kein Tee-Service als Diplomarbeit abgeliefert – sondern die Studie «Lehm Ton Erde». Darin zeigte er auf, wie Lehm auch beim Hausbau eingesetzt werden kann.

Architekturmodell

Bildlegende: Modell von Martin Rauchs Haus in Schlins. Flickr/Pleuntje

Ein baubiologisches Wundermittel

Seither ist aus Martin Rauch ein ausgewiesener Stampflehm-Experte und -pionier geworden. Er sei aber kein Nostalgiker oder Anachronist, lacht der 58-Jährige mit dem silbernen Lockenkopf.

Er glaube einfach an die Vernunft, sagt Rauch, und zählt auf, was der Lehm als Baustoff alles kann: Lehm ist überall vorhanden und kann ohne Rückstände wieder in Natur zurückverwandelt werden, Lehm braucht für die Verarbeitung nur die menschliche Verdichtungsenergie, Lehm sorgt für eine konstante Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent und Lehm absorbiert zum Teil elektromagnetische Strahlung. Kurz: Lehm ist ein baubiologisches Wundermittel.

Billiges Baumaterial in der zeitgenössischen Architektur

Vor acht Jahren hat Martin Rauch gezeigt, dass man ein Haus bauen kann, das zu 85 Prozent aus Lehm besteht. Am Südhang in Schlins, nur drei Gehminuten von seiner Werkstatt entfernt, hat er sich vom Zürcher Architekten Roger Boltshauser sein eigenes Wohnhaus entwerfen lassen. Das Material wurde aus dem Bauaushub gewonnen.

Entstanden ist ein moderner Bau mit einer klaren Architektursprache. Ausgezeichnet wurde das Lehm-Haus mit vielen Architektur- und Nachhaltigkeitspreisen. Sie beweisen, dass ein jahrtausendealtes, billiges Baumaterial in der zeitgenössischen Architektur Platz hat.

Schlichtes Lehmhaus mit einem grossen, runden Fenster.

Bildlegende: Das «Kräuterzentrum» ist der grösste Lehmbau Europas. Keystone

Prestigebau mit Wirkung

Von Projekt zu Projekt treibt Martin Rauch die technischen Einsatzmöglichkeiten des Lehms voran. Den grössten Stampflehmbau hat er gemeinsam mit den Basler Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron gebaut: das 110 Meter lange Kräuterzentrum für Ricola in Laufen.

Weil das Bauen mit Stampflehm viel Handarbeit erfordert – der erdfeuchte, krümelige Lehm wird mit Presslufthämmern gestampft und verdichtet – und das Austrocknen vier bis sechs Wochen braucht, wurden die Stampflehmwände vorfabriziert und innerhalb kurzer Zeit vor Ort in Laufen montiert. Dass renommierte Architekten mit Lehm einen Prestigebau bauen, sei wichtig, sagt Rauch.

Neue Bauperspektiven

Davon ist auch Anna Heringer überzeugt. Die deutsche Architektin teilt mit Martin Rauch an der ETH Zürich eine Gastprofessur, um Studierende in die gestalterische Welt des Lehms einzuführen. Anna Heringer hat 2006 in einem Dorf im Norden Bangladeschs eine zweistöckige Schule aus Lehm und Bambus entworfen und gebaut. Mit diesem Bau war auch ein Ausbildungsprogramm verbunden. Die Tagelöhner, die mitgearbeitet haben, hatten anschliessend ein Zertifikat in der Tasche. «Die Menschen waren beeindruckt zu sehen, was sich quasi aus ‹Dreck›, einem minderwertigen Baustoff, machen lässt», erinnert sich Heringer.

Das eröffne ganz neue Perspektiven. Wenn Behörden und internationalen Firmen nur mit Beton und Stahl bauen, wird der traditionelle Baustoff Lehm nur als Notlösung angesehen und entsprechend unsorgfältig verarbeitet. Heringer weist darauf hin, dass Lehm gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern ein grosses Potenzial habe. 85 Prozent des globalen Beton- und Zement-Verbrauchs entfällt auf diese Länder. Und: Beton verbraucht im Vergleich zu Lehm das 10- bis 20-fache an Energie.

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