Zum Inhalt springen

Kunst Ein Fotoband zeigt die Schweiz und ihre grosse Liebe zur Autobahn

Agglomerationen und Autobahnen – so liesse sich die Geschichte der hiesigen Landschaft seit den 1950ern knapp auf einen Nenner bringen. «Von Agglomerationen und Autobahnen» – so heisst auch das Buch der Historikerin Verena Huber Nievergelt. Auf hunderten Fotos zeigt es, wie die Zersiedelung begann.

Die Agglomeration – die mag eigentlich niemand so richtig. Und trotzdem, so rechnet uns das Bundesamt für Raumentwicklung vor, leben drei Viertel der Schweizer Bevölkerung genau in diesem Speckgürtel. Ein Speckgürtel, der weder Fisch noch Vogel, der weder Stadt noch Land ist.

Schweizer Autobahnen seit 1955

Möglich gemacht hat diesen Speckgürtel die Autobahn. Später dann vor allem auch das fein ausgebaute S-Bahn-Netz. Am 11. Juni 1955 wurde die erste Autobahn in der Schweiz bei Luzern eröffnet und diente zur Umfahrung von Horw. Eine vierspurige Strasse, frei von lästigen Kreuzungen: Ein «Wunderwerk», ein «ganz neues Fahrerlebnis», hiess es damals. Auch an der Expo 1964 in Lausanne wurden auf Fotografien die vielen neuen und eleganten Autobahnschleifen bewundert. Am liebsten aus der Luft.

Überwindung topografischer Hindernisse

Die Autobahn galt in den 1960er-Jahren nicht als Zerstörerin der Landschaft. Vielmehr sah man in ihr ein neues Element ebendieser. Genau diese zustimmende, ja geradezu euphorische Haltung erkennt man deutlich in Bild-Aufnahmen. Das zeigt die Fotohistorikerin Verena Huber Nievergelt in ihrem Buch «Von Agglomerationen und Autobahnen»: Der Fortschritt wurde gerne aus der Vogelperspektive dokumentiert, bei den Brücken waren spektakuläre Untersichten beliebt – sie symbolisieren die Überwindung topografischer Hindernisse.

Mit der Ölkrise in den 1970er-Jahren kam der Knick: Ein kritisches Hinschauen war gefragt, suggestive Fotomontagen waren mögliche Antworten. Wachstums-kritische Publikationen wie jene des Zürcher Architekten Rolf Keller entlarvten mit tristen schwarz-weissen Aufnahmen die Bauwut vergangener Hochkonjunktur. Als Kontrast dazu dienten blass-farbige Fotografien, die die neue Welt in grossen Siedlungen wie das Tscharnergut in Bern propagierten: Orange leuchten die Storen an den betongrauen Fassaden, am Abstandsgrün vorbei spazieren Schulkinder mit farbigen Schulranzen.

Das Schöne im Hässlichen

Die Fotohistorikerin Verena Huber Nievergelt hat Zeitungen – unter anderem die Wochenendbeilagen der «NZZ» und «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers» – zwischen 1960 und 1991 durchforstet. Sie zeigt, wie die Schweiz zu einem Land der Agglomeration geworden ist. Und wie diese rasante Veränderung in den Medien jeweils wahrgenommen wurde.

Warum hat Huber Nievergelt ihre Spurensuche nur bis 1991 betrieben? Ganz einfach: In den 1990er-Jahren entdeckten Künstler wie Fischli/Weiss oder Nicolas Faure das Agglo- und Autobahn-Phänomen und das Schöne im Hässlichen. Fischli/Weiss überraschen mit ihren Streifzügen durch die Agglo, der Genfer Fotograf Nicolas Faure dokumentiert das Autoland Schweiz. Und Verena Huber Nievergelt: Sie erzählt uns die Vorgeschichte.

Sendung: Kultur Kompakt, Radio SRF 2 Kultur, 14.11.2014, 8:10 Uhr

9 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Piotr Heck, Ascona
    Ich freue mich noch heute an den Autobahnen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ piotr heck: ist das ein plädoyer für holcim/lavarge, chevron und toyota - oder gehöhrt das einfach zum mythos der abendländischen kultur?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Autobahnen hatten schon ihren Sinn und haben auch heute noch ihre Berechtigung. Man hatte einfach typisch Schweiz nicht weiter gedacht, dass es immer mehr Verkehr und damit verbunden Lärm geben wird und die Wohn- und Erholungsflächen in der Schweiz begrenzt sind. M. E. gehören Autobahnen wie auch die Eisenbahn unter die Erde wie beim Islisbergtunnel. Die schöne Gegend interessiert kaum ein Berufspendler, zumal Smartphone, iPod usw. heute eh interessanter zu sein scheint als das Umfeld.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ hans knecht: aus den augen, aus dem sinn. das system bleibt dieselbe verbrauchsintensive dreckschleuder.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Roland Burkhardt, Hadsund
    Unsere Autobahnen werden bei der gegenwärtig propagierten Wachstumspolitik nie mehr Stau frei befahrbar sein. Allen Gebührenerhebungen und Versprechungen zum Trotz. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind bis in alle Ewigkeit gnadenlos überfüllt. So pessimistisch das auch tönen mag, es gibt keine realistisch glaubhafte und politisch machbare Lösung mehr. Dem Grössenwahn und dem ungebremsten Wachstum sei Dank.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ roland burkhardt: gehen sie wieder vermehrt zu fuss, und sie werden die welt hinter der nächsten hecke entdecken. warum diese romantische fixierung auf das auto? ihr wehklagen ähnelt jenem der feuilletonisten, welche nur über aufgeschlagener zeitung an einem kaffeehaustischchen nachdenken meinen zu können. jammern sie etwas weniger, und sehen sie sich um im hier und jetzt gleich um die ecke. ich z.b. entdeckte dort meine zukunft.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Roland Burkhardt, Hadsund
      @ Andreas Furrer, Prilly, Vermutlich haben Sie meinen Beitrag falsch verstanden. Weder wehklage ich, noch bin ich ein Verfechter des unbegrenzten Verkehrs. Im Gegenteil habe ich das grosse Glück, praktisch autofrei in freier Natur zu leben, so oft und so lange ich Lust habe. Mein Beitrag sollte eher eine etwas apokalyptische Perspektive aufzeigen. Nämlich, dass wir Opfer unseres Wachstumswahnsinns geworden und nicht mehr in der Lage sind, die verheerende Abwärtsspirale zu verlassen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von andreas furrer, prilly
      nein roland burkhardt, ich habe sie schon richtig verstanden, nur sehe ich das mit dieser abwärtsspirale nicht so. lösen sie den blick ein wenig vom auto und sie werden erkennen, dass da noch andere dinge herumwirbeln (in anderen richtungen). ich sehe weder eine apokalypse noch opfer, lediglich eine gewisse betäubtheit (bequemlichkeit). manchmal scheint es mir auch so wie mit galilei und der kirche, bzw. die welt dreht sich nicht mehr um europa, sondern europa um die welt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen