Was bleibt von uns? Ein Fotobuch erinnert an Verstorbene

Das jüngste Werk der Fotografin Tina Ruisinger ist ein Archiv der Erinnerungen. 50 Objekte erzählen Geschichten, die sich der Betrachter selber zurechtlegen muss.

«Es sind in den meisten Fällen nicht die grossen Dinge, die von Bedeutung sind», sagt Tina Ruisinger. «Keine kostbare Truhe oder wertvoller Schmuck. Meistens sind es die ganz kleinen, unscheinbaren Dinge, die etwas bedeuten.»

In ihrem jüngsten Werk hat die Zürcher Fotografin ein Archiv der Erinnerungen geschaffen: ein Fotobuch, das insgesamt 50 Objekte abbildet. Während 10 Jahren hat sie Leute besucht und dieses Archiv zusammengestellt.

Wenn Gegenstände Geschichten erzählen

Ein paar beige Schuhe etwa, die eine Verstorbene zu ihrer Hochzeit getragen hat, eine graue Schachtel mit silbernen Stimmgabeln oder eine vollgekritzelte Agenda. Es sind Gegenstände, die für sich allein keinen grossen Wert haben.

Doch die Geschichten hinter diesen Objekten machen sie wertvoll. Für diejenigen, die die Partnerin, das Kind oder den Grossvater verloren haben.

Tina Ruisinger

Bildlegende: Erzählt mit Objekten Geschichten: Künstlerin Tina Ruisinger. Tina Ruisinger

Die Bilder lässt Tina Ruisinger unkommentiert. Man erfährt nichts über das persönliche Schicksal, auch keine Namen. «Ich gehe davon aus, dass sich der Betrachter seine eigene Geschichte erfinden muss», sagt die Fotografien.

Frei von Pathos, voll mit Leben

So erfahren wir nichts von einem tragischen Tod, von hinterbliebenen Kindern, von Leid oder Trauer. Wir können nur erahnen, welche Lebensgeschichte an einem bestimmten Ding hängt. Dabei gehe es nicht nur um den Verlust, so Ruisinger, sondern auch um das Weiterleben. Das, was bleibt.

Einzig zwischen den Seiten mit den Fotografien, in der Mitte des Buches, gibt es einen Essay und Zitate, die Hinweise auf die Gegenstände geben könnten.

Man setzt sich so die eine oder andere Geschichte im Kopf zusammen. Und genau das macht das Buch der Fotografin so bemerkenswert leicht und frei von Pathos.

Ein Leben in einem Plastiksack

Für Tina Ruisinger gab es mehrere Auslöser zu dieser Arbeit. Ein Schlüsselerlebnis war der Tod ihres 94-jährigen Grossvaters. Er lebte zusammen mit seiner Frau in einem grossen Haus und war ein grosser Sammler. Als er starb, passte das, was von ihm übrig geblieben ist, in eine Tragtasche.

«Ein Leben lang sammelt und hortet man Dinge, häuft sie an, um sich selber zu beweisen, dass man gelebt und viel erfahren hat», sagt die Künstlerin. Dass dieses lange Leben dann in diesem Plastiksack endete, sei ein Moment gewesen, in dem sie sich überlegt hatte: «Was passiert mit all den Dingen, wenn wir nicht mehr sind?»

Ruisinger hat sich vor allem als Porträt- und Tanzfotografin einen Namen gemacht. Bisher standen Menschen vor ihrer Linse. Auch wenn sie für ihre neuste Arbeit Dinge wie Kinderpullover, Muscheln oder Liebesbriefe fotografiert hat, steht der Mensch im Fokus.

Man sieht ihn zwar nicht, aber Spuren von ihm. «Traces» ist eine leise Sensation, die unaufdringlich Spuren im Gedächtnis hinterlässt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 10.07.17, 08:20 Uhr

Buchhinweis

Tina Ruisinger: «Traces», Kehrer Verlag 2017.