Ein kritischer Blick auf Architektur seit 100 Jahren

Als die Architekturzeitschrift «werk» vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, war Architektur noch kein öffentliches Thema. Dies hat sich in den letzten 100 Jahren geändert – geblieben ist die Notwendigkeit von Architektur-Debatten. Auch wenn heute die Zeit dafür oft fehlt.

Heute ist Architektur ein Kulturprodukt wie jedes andere auch: Längst hat sie die Feuilletons der Tageszeitungen erobert. Allein in Deutschland gibt es über 30 Architektur-Zeitschriften, und auch die Schweiz steht mit Magazinen wie «TEC21», «archithese» und «Hochparterre» nicht schlecht da. Eine besondere Rolle spielt in diesem Reigen die Zeitschrift «werk, bauen + wohnen», die mit ihren 100 Jahren ein beachtliches Durchhaltevermögen an den Tag legt im immer härter werdenden Kampf um die Aufmerksamkeit der Leserschaft.

Bedürfnis nach Debatte und Orientierung

Schwarzweiss-Foto vom Peterhof in Zürich aus dem Jahr 1914.

Bildlegende: Thema in der ersten Ausgabe von «werk» im Januar 1914: der Peterhof in Zürich. werk, bauen + wohnen

Diese Langlebigkeit hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das «werk» dem Bund Schweizer Architekten (BSA) und seinen Mitgliedern gehört. Dem BSA ist eine kritische Auseinandersetzung mit der gebauten Umwelt wichtig. Darum leistet er sich seit 100 Jahren die Zeitschrift als Plattform für Debatten.

Und Debatten waren von Anfang an gefragt: Als das «werk» kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs als «Schweizerische Zeitschrift für Baukunst, Gewerbe, Malerei und Plastik» vom BSA und dem Schweizerischen Werkbund gegründet wurde, waren nicht nur der Fortschrittsglauben und die technischen Innovationen gross. Gross war auch das Bedürfnis nach Orientierung.

Das Denken nicht vergessen

Auch heute sind Debatten für das «werk», das sich 1980 mit der Zeitschrift «Bauen + Wohnen» zusammenschloss, noch immer ein grosses Thema. Doch der heutige Chefredaktor Daniel Kurz und Astrid Staufer, Architektin und Präsidentin der Redaktionskommission, stellen mit Bedauern fest, dass es seit der Postmoderne und der Pluralität in Kunst und Gesellschaft schwierig geworden sei, Debatten anzuschieben.

Auch der anhaltende Bauboom begünstige die Debattier-Unlust: Wer viel baue, habe kaum Zeit, über Grundsätzliches nachzudenken. «Das war immer so. Gefährlich ist jetzt, dass die Hochkonjunkturphase schon sehr lange dauert. Wir Architekten müssen aufpassen, dass wir das Denken und das Reflektieren unserer Arbeit nicht vergessen», resümiert Astrid Staufer.

Sendung zu diesem Artikel