Ein «MTV der Kunstwelt» – Kunst hautnah erleben

Stell dir vor, du machst den Fernseher an und es läuft nichts als Kunst. Das klingt wie ein surreales Erlebnis, gibt es aber: Der Sender Ikono TV zeigt 24 Stunden am Tag Kunst in Nahaufnahme, ohne Kommentar. Seit Anfang September ist der Kanal auch online aktiv, mit einem Festival für Video-Kunst.

Kopf einer Frauenstatute

Bildlegende: Eine Kunstreplik der Büste der Nofretete: So nah wie mit Ikono TV kommt man als Museumsbesucher an kein Kunstwerk. Keystone

Das Video zeigt eine Skulptur. So, wie sie der Betrachter bisher kaum sehen konnte. Die Kamera fährt schräg von unten hautnah über ihren Hals bis zum Gesicht und gibt dann den Blick frei auf die berühmte Büste der Pharaonin Nofretete aus Kalkstein und Gips im Ägyptischen Musem in Berlin.

Clips wie dieser sind das Kerngeschäft von Ikono TV. «Wir sind so etwas wie ein MTV der Kunstwelt, allerdings gemächlicher und ohne die schnellen Schnitte», sagt Elizabeth Markevitch, die 55-jährige Gründerin. Seit 2011 sendet Ikono TV aus Berlin als Satellitenkanal in 30 europäische Länder. Dazu kommt ein regionaler Ableger: Ikono MENASA, der über ArabSat den Nahen Osten von Ägypten bis zum Golf bedient.

Neu auch im Internet

Frau sitzt an einem weissen Tisch, auf dem silberne Kugeln rollen

Bildlegende: Videokunst von Xavier Veilhan – «The possibilities of representation», am Videofestival von Ikono TV. Ikono TV

Mit Ikono erreicht Markevitch täglich rund 300‘000 Zuschauer. Bald dürften es jedoch mehr sein, denn seit dem 6. September ist der Kunstsender auch via Internet zugänglich. Lanciert wurde das Web-Angebot im Rahmen der Ars Electronica mit einem Video-Kunst-Festival, mit dem bis Ende September rund 150 Künstler vorgestellt werden.

Welche Kunst auf Ikono TV gezeigt wird, entscheiden neun beim Sender angestellte Kunsthistoriker. Gemeinsam mit einem Regisseur wählen sie die Werke aus und besprechen, wie sie gefilmt werden sollen. Aktuell zeigt Ikono TV Werke von Künstlern aus 40 Ländern. Die Videos beziehen sich lose aufeinander und sind frei von Kommentaren und Erklärungen. Wer sich für ein Kunstwerk interessiert, findet auf der Website weiterführende Informationen. Und dazu passende Buchtipps von Amazon – hier wird denn auch das kommerzielle Interesse des Kunstkanals deutlich.

Kunst-Clips und Kommerz

Beleuchtete und verzierte Totenköpfe

Bildlegende: Ebenfalls zu sehen am Video-Festival von Ikono TV: Der Film 2+1+1+2 (for Niki) von Amy Granat. Ikono TV

Lange wurde Elizabeth Markevitch für verrückt erklärt, von den Bankern, von denen sie Geld leihen wollte, und von den Museen. Markevitch war 2002 erstmals auf den Gedanken für ein Kunst-TV gekommen, als sie als Kunstberaterin bei einer Bank arbeitete. Für ein grosses Anti-Aids-Konzert wollte Bono, der Sänger der Gruppe U2, mit ihr über Sponsoring verhandeln. Markevitch regte an, in den Umbauphasen des Konzerts kurze Kunst-Clips zu zeigen. Die Clips wurden nicht nur von 40‘000 Menschen im Stadion gesehen, sondern auch mit der Konzertübertragung von MTV weltweit ausgestrahlt. Damit war die Grundidee von Ikono TV geboren.


Ein Sender, der nur Kunst zeigt

3:51 min, aus Kultur kompakt vom 09.09.2013

Finanziert wird Ikono TV in erster Linie durch Trailer, die der Kanal zusätzlich für Museen und andere grosse Kulturinstitutionen produziert. Ausserdem kann sich jedermann die Clips für 1,99 Euro herunterladen und sich so seine eigene Kunst-Sammlung zusammenstellen. Die Bezahlung der Künstler erfolgt im Lizenzmodell.

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