Entgrenzung und Rausch: Was sich Dadaisten in Afrika abschauten

Die Dadaisten suchten eine neue Form der Kunst. Inspiration dafür, wie es anders geht, holten sie sich aus fremden Kulturen. Das Museum Rietberg untersucht mit seiner Ausstellung «Dada Afrika» die dadaistische Afrikabegeisterung – ohne die postkoloniale Kritik daran auszusparen.

Viele Künstler begeisterten sich im Lauf der Zeit für fremde Kulturen. Vincent van Gogh hängte sich japanische Holzdrucke an die Wand, Gauguin reiste nach Tahiti, um zu malen, und Picasso stibitzte für den Kubismus allerhand Tricks aus der afrikanischen Kunst.

Inszenierungen der «Soirées nègres»

Dass sich auch die Dadaisten für aussereuropäische Kunstwerke interessierten, liegt also auf der Hand. Allerdings rezipierten sie nicht bloss formale ästhetische Lösungen, sondern interessierten sich im Gegensatz zu anderen Avantgarden auch für Gedichte, Tänze und Rhythmen, die sie performativ in ihre sogenannten «Soirées nègres» einbrachten.

Entgrenzung, körperliche Erfahrung, Rauschzustände: Die Dadaisten suchten in aussereuropäischen Kulturen Wege, um die Vernunft-Kontrolle auszuhebeln, sagt Michaela Oberhofer, die zusammen mit Esther Tisa und Ralf Baurmeister von der Berlinischen Galerie die Ausstellung im Museum Rietberg kuratierte.

Eine Maske aus Papier, Karton und Farbe, um die Nase hat es Schnüre.

Bildlegende: Marcel Jancos Kartonmaske von 1919 ist stark angelehnt an afrikanische Vorbilder. Marcel Janco/Musée national d’art moderne/ProLitteris

Inspiriert von Hopi-Indianern

In der Ausstellung lassen sich durch klug gewählte Exponate vielfältiger Beziehungen zwischen Dadaismus und afrikanischen, ozeanischen oder indigenen Kulturen beobachten. Deutlich wird etwa, dass sich Sophie Täuber-Arp für ihre Kostüme massiv von den Stoffen der Hopi-Indianer beeinflussen liess und dass sich Marcel Janco für seine Plakate und Masken stark an afrikanische Vorbilder anlehnte.

Differenzierter ist die Beziehung zwischen einem abstrakten Bild von Hans Arp und einer Holzstatuette der Baule-Kultur. Auf Augenhöhe begegnen sich die von Diagonalen geprägte Komposition und der nackte Mann mit stilisierten Gesichtszügen und einer Stachelfrisur. Ihre Beziehung ist so rätselhaft wie sie es schon 1917 war, als sich beide Werke in der ersten Ausstellung der Zürcher «Galerie Dada» begegneten.

Von Vorurteilen geprägt

«Dada. Cubistes. Art Nègre» kündigte das Ausstellungsplakat von damals an. Wie in Berlin oder Paris wurde nun auch in Zürich aussereuropäische Kunst als gleichwertig betrachtet – und nicht nur als Vorstufe zu europäischen Entwicklungen in ethnographischen Sammlungen ausgestellt. Trotz dieser positiven Perspektive ist der Blick der Dadaisten von Vorurteilen geprägt: Sie suchten und fanden in aussereuropäischen Kulturen Exotismen und Primitivismen und instrumentalisierten die Objekte für ihren europäischen Diskurs.

Collage aus muskulösen Boxerbeinen und einer afrikanischen Maske.

Bildlegende: Afrikanische Maske versus Boxerbeine: Collagekunst von Hannah Höch (1929). Hannah Höch/Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg/ProLitteris

Umso aufregender sind die Arbeiten von Hannah Höch, welche die Ausstellung «Dada Afrika» präsentiert. Die dadaistische Collagenmeisterin klebte für ihre Schnipselbilder die Fotos afrikanischer Masken über die muskulösen Beine eines Boxers, arrangierte den Torso einer Göttin aus Kambodscha unter das Gesicht einer Seifenschönheit, die für Werbung in den 1920er-Jahren von den Zeitungsseiten lächelte.

Alle Collagen der Serie «Aus einem ethnographischen Museum» stellte Hannah Höch auf Sockel. Lange vor ihren Künstlerkollegen spürte sie, welche Machtverhältnisse sich auch in der gutgemeinten musealen Präsentation aussereuropäischer Kunstwerke ausdrückten.

«Dada Afrika»

Die Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich dauert bis zum 17. Juli 2016.