«Europa war der Motor der Menschheitsgeschichte»

Das Kunsthaus Zürich zeigt unter dem Titel «Europa – die Zukunft der Geschichte» über 100 Gemälde, Videos und Installationen aus den letzten 200 Jahren. Entworfen hat die Ausstellung Kuratorin Cathérine Hug gemeinsam mit Schriftsteller Robert Menasse. Im Interview schildert er sein Grundkonzept.

Die nackte Europa auf einem Stier im Meer

Bildlegende: Félix Vallottons «Entführung der Europa» von 1908 ist Teil der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Kunsthaus Zürich

Was bedeutet für Sie Europa?

Robert Menasse: Man kann diese Frage, was Europa nicht nur für mich bedeutet, mit einer Gegenfrage beantworten. Stellen Sie sich vor, es gäbe Europa nicht. Es gäbe auf diesem Planeten den Erdteil Europa nicht. Was fällt Ihnen dazu ein? Wissen Sie, was spannend ist? Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass es dann auch keine Weltgeschichte gegeben hätte.

Europa war der Motor der Menschheitsgeschichte: Es ist alles, von den schönsten und beglückendsten Höhenflügen, zu denen der Mensch fähig ist. Aber auch das Grauenhafteste, wozu der Mensch je imstande war, ist von Europa ausgegangen. Wir blicken auf die grössten Errungenschaften der Kunst, der Zivilisation, der Aufklärung und der Philosophie. Auf eine gewachsene Kultur, auf dynamische Kulturen, aber auch auf den Holocaust, Krieg, den Imperialismus, sowie den Kolonialismus. Alle Probleme der Welt sind letztlich europäische Probleme, weil sie konsequent Probleme der europäischen Geschichte sind.

Warum steckt Europa in der Krise?

Ich würde nicht sagen, dass Europa in der Krise steckt. Ich sage, die politischen Eliten von Europa haben Krisen, Bewusstseinsaussetzer. Sie leiden unter Geschichtsvergessenheit, fehlenden Kompetenzen und mangelnden Ressourcen. Sie haben alles Mögliche, sie haben Europa politisch einfach nicht im Griff. Wir haben eine politische Krise, aber noch lange keine General- oder Universalkrise.

Europa ist ja nicht einfach nur ein politisches System. Im Gegenteil: die politische Krise kommt ja auch daher, weil Europa noch nicht wirklich ein politisches System gefunden hat. Europa ist zunächst ein historisch gewachsener Kulturraum und aufgrund seiner Geschichte, die zur Weltgeschichte wurde, ist es ein Sehnsuchtsraum. Und Sehnsüchte haben keine Krisen. Sehnsüchte haben das, was die Ökonomen gerne hätten, nämlich stetiges Wachstum.

Ist Europa überhaupt noch zukunftsfähig?

Immer mehr nationalistische Parteien kommen an die Macht… Nationalisten sind immer eine Gefahr. Das haben sie immer wieder bewiesen. Von dem Zeitpunkt der Nationswerdung an, war der Begriff «Nation» und das Selbstgefühl der angehörigen Nation immer verbunden mit Gewalt, mit Krieg, mit der Produktion von Feinden und Sündenböcken. Irgendwann ist Schluss. Wenn es den Nationalisten noch einmal gelingt, Europa an die Wand zu fahren, spätestens dann ist Schluss. Dann werden sie vor den Trümmern stehen und sagen: Das hätte niemals passieren dürfen. Dann wiederholen wir 1945. Aber vielleicht gelingt es uns auch, das aufzuhalten.

Was wünschen Sie sich für die Ausstellung?

Ich möchte, dass man durch die Ausstellung geht und begreift, dass Europa mehr ist als die Mutter der gegenwärtigen Politik- und Finanzkrise. Europa ist ein gemeinsamer Kulturraum und Europa ist auch ein Identitätsangebot. Man hat einen Lebensort und eine kulturelle Heimat. Was dazwischen liegt, die Nation, die braucht man nicht. Und in der Schweiz ist es ja auch so, dass der Kanton mehr bedeutet, als die Nation.


Ausstellungsbesprechung: Gigantisches Europa

4:21 min, aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 12.06.2015

Ich wünsche mir, dass man Europa als identitätsstiftendes Angebot begreift. Dass man sagt: Ich habe es schon immer gefühlt und jetzt sehe ich es! Das steckt in den Glanzleistungen und in der kritischen Auseinandersetzung mit den Verbrechen als Teil meiner Geschichte und meiner Identität. Das kann man hier begreifen, wenn man sich ein bisschen Zeit lässt und den Strukturen dieser Ausstellung nachgeht. Ein Traum, wenn dies am Ende möglichst viele so empfinden würden.

Zur Person

Portraitbild des Schriftstellers Robert Menasse

Wikipedia

Robert Menasse studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Von 1981 bis 1988 lehrte er zunächst als Lektor für österreichische Literatur, später als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität São Paulo. Seit seiner Rückkehr nach Wien arbeitet er primär als freier Schriftsteller.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Europa - Die Zukunft der Geschichte

    Aus Kulturplatz vom 10.6.2015

    Europa steckt in der Krise: Die Negativschlagzeilen reissen nicht ab. Putin betreibt Machtspiele, Griechenland droht zum wiederholten Mal der «Grexit», England überlegt sich den EU-Ausstieg, und die Solidarität unter den Ländern spielt bei der Aufnahme von Flüchtlingen nur begrenzt. Was ist bloss aus der Idee eines gemeinsamen Europas geworden? Und welche Rolle spielt dabei die Schweiz? Eine Ausstellung im Zürcher Kunsthaus sucht nach Antworten. Denn in der Kunstgeschichte wird deutlich, dass Gemeinsamkeit in der Vielfalt möglich ist. Kann die Kultur als Friedensstifterin funktionieren?

    Maren Adler

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