Fankultur digital: Früher sammelte man Autogramme, heute Selfies

Am Anfang war das Kreischen: Kein Auftritt von den Beatles oder Elvis fand ohne ausgeflippte Fans statt. So beginnt die Geschichte der Fankultur in den 1960er-Jahren. Auch Künstler verehrten ihre Idole – mit Kunstwerken. Eine Ausstellung in Berlin zeigt Fan-Kunstwerke – und stellt kritische Fragen.

Bilder, Videoarbeiten, Collagen oder Objekte beten etwa Jethro Tull oder Neil Young an. Und immer wieder auch die Beatles: In deren Schatten wurde der japanische Pop-Art-Künstler Keiichi Tanaami berühmt. Zur Musik des John-Lennon-Songs «Oh Yoko!» bastelte er ein psychedelisch-surreales Video. Gelbe U-Boote schweben über den Bildschirm und riesige Erdbeerfelder sprengen den Bilderrahmen. Alles Anspielungen für eingefleischte Beatles-Fans: «Diese Animationen können nur verstanden werden, wenn man die Beatles-Filme und John-Lennon-Songs kennt», sagt Kurator Christoph Tannert.

Fanblogs ersetzen Fan-Zines

Doch die Berliner Ausstellung «Passion. Fanverhalten und Kunst» im Künstlerhaus Bethanien zeigt mehr. «Es ist eine kulturhistorische Ausstellung – in ihr kann man sehen, wie sich Fankultur von den 1960er-Jahren bis heute verändert hat», erklärt Tannert. Er hat Werke von rund 80 Künstlern versammelt. Sie zeichnen den Weg von Fankunst nicht nur in Europa, USA und Japan, sondern auch in Lateinamerika und Afrika der vergangenen Jahrzehnte nach.

Und so ist zu erleben: Das digitale Zeitalter hat auch in der Fankultur tiefe Spuren hinterlassen. Früher war die Distanz zwischen Fans und den Bands viel grösser, angebetete Idole waren nur per Post zu erreichen. Also entstanden bis Mitte der 1990er-Jahre liebevolle Gedichte, wunderschön verzierte Kassettenhüllen und Fan-Zines. «Diese Fankultur ist inzwischen nahezu verschwunden», sagt Tannert. Heute haben Fans die Chance, während des Konzerts ein Selfie mit ihrem Idol zu ergattern und damit im Netz selbst zur kleinen Berühmtheit zu werden.

Nur noch ein Kult um Klicks und Likes?

«Früher war Fankultur von der Liebe zur Lieblingsband bestimmt. Inzwischen ist Fankultur ein hartes Business», beklagt sich der ungarische Grafiker und Objektkünstler Tibor Horvath. Seine Kritik verarbeitet er digital, auf einer Facebook-Fanpage namens «ad». Mit absurden Zeichnungen kritisiert er die zeitgenössische Fankultur: für Horvath nur noch ein Kult um Klicks, Likes und Hashtags.

Dennoch: Fankultur ist nicht allein auf Anbetungsrituale zu reduzieren. Die Berliner Ausstellung macht deutlich, wie politisch Fankultur sein kann. «Je repressiver und wirtschaftlich instabiler Staaten sind, um so mehr suchen Fans politischen Freiraum in der Musik», sagt Kurator Christoph Tannert. «Wir brauchen uns dazu nur die Stasi-Überwachung der Band Depeche Mode in der DDR anschauen, wo man sieht, wie die Stasi Fanpost und Fangruppen überwacht hat und dann doch im Jahr 1988, als der Druck zu stark war, ein Konzert in Ostberlin organisiert hat.»

No Sex, no Drugs – only Rock 'n' Roll

Den Geist von Rebellion ist immer noch Teil von heutiger Fankultur in der Rockmusik. Nur Drogen und wilder Sex gehören nicht mehr unbedingt dazu – wie bei Punkkonzerten der Straight-Edge-Bewegung. Ihr hat der kanadische Künstler Jeremy Shaw eine Hommage gewidmet und Fans des Kults mit der Kamera eingefangen. Sie suchen ihr Seelenheil allein im aggressiven, bewusstseinserweiternden Tanz zu brachialen Gitarrenriffs. Jeremy Shaw zeigt das in Zeitlupe – und so wirken Hardcore-Punk-Fans bei ihm so friedlich wie Hippies bei Janis Joplin.

«Ich war fasziniert davon, dass sie genauso ausgelassen sind, wie jemand der Drogen nimmt, Transzendenz allein durch die Musik und das Tanzen erlangen», sagt Tannert. Bei Jeremy Shaw wie auch bei den anderen Künstlern zeigt sich in der Ausstellung: Rockmusik taugt vielleicht nicht als Religionsersatz. Aber ein wenig Spiritualität ist in jeder Fankultur zu entdecken.

Sendung: Kultur Kompakt, Radio SRF 2 Kultur, 14. Juli 2015, 17:10 Uhr

Zur Ausstellung

«Passion. Fan-Verhalten und Kunst». Künstlerhaus Bethanien in Berlin. 10. Juli bis 9. August 2015.