Frech, frivol, fantastisch: Francisco Sierra in Solothurn

Francisco Sierra gilt als eigenwilliger Perfektionist, der in keine Schublade passt. Sein Werk changiert zwischen technisch brillantem Hyperrealismus und frechem Surrealismus. Es ist mal freundlich verspielt, mal abgründig verzwickt und lotet aus, was Kunst kann und darf.

Er ist ein detailverliebter Meister der Malerei, aber auch ein Genie der kühnen Geste. Die Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn bringt die beiden Facetten Francisco Sierras auf kleinem Raum zusammen.

Besonders gut gelingt das im Flur des Grafischen Kabinetts, in dem sich zwei Arbeiten gegenüber hängen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der zweiteiligen Lithografie «Lismete» sind Vorder- und Rückseite eines Stücks Strickware zu sehen. Die beiden grautönigen Drucke zeigen Reihen schlichter Maschen ohne Muster. Das Motiv wirkt so prickelnd wie die Maschenprobe in einem Handarbeitsheft. Der Gedanke aber, dass der Künstler dieses absolut realitätsgetreue Strickbild Masche für Masche, Linie für Linie gezeichnet hat, weckt Verblüffung und Bewunderung. Ist es möglich, dass eine menschliche Hand einen Ausschnitt Wirklichkeit so exakt wiedergeben kann wie ein Fotoapparat?

Kopulierende Käfer konfrontieren mit existentiellen Fragen

An der Wand vis-à-vis hängt eine Reihe Delfter Kacheln, auf die Francisco Sierra die Serie «The Circle of Life» gezeichnet hat. In einfachen Umrissen zeigt er ein Würmchen, das sich erst zum jugendlichen Käfer mit Pickeln, dann zum kopulierenden Käfer mit Kippe im Maul und schliesslich zum Käfer-Greis mit grimmigem Gesicht entwickelt.

Hier tritt der umgekehrte Effekt ein, wie vor den «Lismete»-Drucken. Die Beschäftigung mit den Lebenszyklen, mit Reifung und Vergänglichkeit des Menschen gehören klar zu den grossen Themen der Kunstgeschichte. Doch kann man hochkomplexe Motive wie die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit in der lapidaren Form einer Comic-Zeichnung abhandeln?

Altmeisterliche Präzision und absurde Scherze

Francsico Sierra setzt den Betrachter immer wieder der Frage aus, was Kunst ist, was Kunst kann, was Kunst darf. In seinen Arbeiten prallen Hässliches und Schönes, Philosophisches und Nebensächliches ungebremst aufeinander.

Die Ausstellung gibt einen guten Einblick in die Arbeitsweise des hochbegabten Autodidakten, der mit Hingabe erforscht, was Schönheit für den Menschen bedeutet. Er gestaltet mit dem Kugelschreiber Steine von verblüffender Plastizität oder zeichnet Augenbrauen beim Sex. Er beherrscht eine geradezu altmeisterliche Präzision, ergeht sich aber auch gern in abstrusen Scherzen.

Kern seiner Arbeit bleibt der Kugelschreiber

Sierras Zeichnungen sind keine Skizzen. Der Künstler selbst betrachtet die Kugelschreiberzeichnung als Kern seiner Arbeit. Sierra benennt seine Zeichnungen mit dem spanischen Begriff für Kugelschreiber «Boligrafo».

Vielleicht hat das damit zu tun, dass er seine Kindheit in Chile verlebt hat. Vielleicht aber auch damit, dass «Boligrafo» bedeutsamer klingt als «Kugelschreiber». Und darum geht es schliesslich in der Kunst: um Schönheit und Wirkung, Schein und Sein. Francisco Sierra versteht es nicht nur vorzüglich mit verschiedenen Techniken und Stil-Ebenen zu jonglieren. Er versteht es auch, mit einem kleinen Augenzwinkern auf die Eitelkeiten des Kunstmarktes anzuspielen.

Der Künstler

Francisco Sierra, geboren 1977 in Santiago de Chile, lebt seit 1986 in der Schweiz. Er gehört zu den eigenwilligsten Persönlichkeiten der jungen Schweizer Kunstszene. Zeichnung, Malerei, Objekt und Installation sind Teil seines künstlerischen Schaffens. Der Künstler zeichnet sich durch handwerkliche Präzision und Humor aus.