Gemälden zuhören

Musik fürs Auge, Bilder fürs Ohr: Die Londoner National Gallery haucht alten Meisterwerken mit Musik neues Leben ein. Die Ausstellung «Soundscapes: Listening to Paintings» ist ein Experiment. Der Versuch, wegzukommen von der traditionellen Kunstrezeption.

Ein Gemälde zeigt zwei Männer neben einem Globus und Vermessungsgeräten.

Bildlegende: «Die Gesandten» (1533) von Hans Holbein dem Jüngeren erklingt in einem Werk der Turner-Preisträgerin Susan Phlipsz. Wikimedia

Die National Gallery hat sechs kreative Köpfe beauftragt, sich von Meisterwerken der Sammlung inspirieren zu lassen. Mit dem Ziel, die Bilder nicht bloss zu untermalen, sondern einen Dialog der Künste herzustellen: interdisziplinär, interpretierend, erhellend.

Die Idee zu «Soundscapes: Listening to Paintings» hatte National Gallery-Kuratorin Minna Moore Ede: «Wir setzen hier keinerlei kunsthistorisches Wissen voraus. Die Musik ist es, die den Bildern neues Leben einhaucht. Sie füllt die Räume und erzeugt eine Atmosphäre der Erwartung und Spannung. Das sollte man spüren.»

Klanginstallationen im Museumsraum

Ein Gemälde zeigt Frauen, die nackt unter Bäumen liegen.

Bildlegende: Aus Paul Cézannes «Les Grandes Baigneuses» klingen musikalische Stimmen. Wikimedia

Vertreten sind unter anderem: Oscar-Gewinner Gabriel Yared – der die Filmmusik zu «Der talentierte Mr. Ripley», «Der englische Patient» und «Unterwegs nach Cold Mountain» schrieb – mit einer «Vertonung» von Paul Cézannes «Les Grandes Baigneuses» (Die Badenden).

Ebenso Musikproduzent und DJ «Jamie xx»: Er liefert eine Klanginstallation zu einer Küstenlandschaft des flämischen Pointilisten Théo Van Rysselberghe (1862-1926). Ausserdem der renommierte englische Natur-Originaltonsammler Chris Watson mit einer 50-Minuten-Collage zu einem Seemotiv des Finnen Akseli Gallen-Kallela (1865-1931).

Hans Holbein als Inspiration

Nicht zuletzt ist auch eine Arbeit der Turner-Preisträgerin Susan Phlipsz dabei. Ihr Lieblingsgemälde zählt zu den grössten Schätzen des Museums: «Die Gesandten» (1533) von Hans Holbein dem Jüngeren (1497/89-1543). Ihre Dreikanal-Installation «Air on a Broken String» konzentriert sich auf eines der zahlreichen, allegorisch vieldeutigen Motive im Holbein-Bild: eine Laute mit gerissener Saite.

Mit atonalen Streicherklängen lenkt die Sound-Artistin die Aufmerksamkeit des Betrachters hin zum Detail und in die tieferen Symbolschichten eines Gemäldes, in dem sich alles – die Standporträts der Botschafter, die diversen Utensilien und das Memento mori des berühmten perspektivisch verzerrten Totenschädels am unteren Bildrand – zum facettenreichen Ensemble verdichtet.

Vor allem aber schärft Philipsz' Lautmalerei das Gespür für den Grundtenor in diesem so vielstimmigen Bild. Und für Holbeins eigentliches Thema: Melancholie, Dissonanz und Tod.

Konzentration und Meditation

Für die sechs ausgewählten Gemälde ist jeweils ein Raum reserviert. So inszeniert man hier die Malerei: in schalldichten und fast komplett verdunkelten Galerien, in denen Gemälde strahlen dürfen, mal dezent angeleuchtet, mal im grellen Scheinwerferkegel, dazu jeweils bis zu einem Dutzend über die Wände und Decken verteilte Lautsprecher. Das komplette Design dieser Bilder- und Klangwelten-Hörschau zielt auf Konzentration und Meditation.

«Hört die Bilder, seht die Töne!»: Soundscapes ist ein Experiment der vielstimmigen, synästhetischen Grenzüberschreitungen und der Versuch, wegzukommen von der traditionellen Kunstrezeption, hin zu einer zeitgemässeren Museumspädagogik, die Bildergalerien als ganzheitliche Erlebniswelten versteht.

Nur bei Philipsz gelungen

Wirklich gelungen ist das Experiment nur bei Susan Philipsz. Wo ihre Mitstreiter in Endlosschleifen mit Übermalung, Klangteppichen und effekthaschenden Soundtracks aufwarten, setzt Philipsz auf Intervention. Statt den Besucher einzulullen, fordert sie auf zur partizipatorischen Rezeption. Nur bei ihr ergänzen sich die Genres wechselseitig.

Mit Soundscapes führt die Nationalgalerie fort, was sie vor drei Jahren mit ihrer Tizian-Schau «Metamorphosis» anstiess. Damals diente das antike Diana-Motiv als Vorlage für die Umgestaltung des Mythos durch Komponisten und Ballettchoreografen.

Die Sache wurde ein riesiger Erfolg. Ob man mit der aktuellen bimedialen Klangfärberei daran wird anknüpfen können, ist die eine Frage. Die andere ist: Sind die sechs Bilder wirklich schon so tot, dass man sie in der «Gruft» am Square akustisch neu beleben muss?

Ausstellungshinweis

«Soundscapes: Listening to Paintings», vom 8.7. bis zum 6.9.2015 in der National Gallery in London.