Giacometti-Fälscher gesteht seinen millionenschweren Betrug

«Super-genial einfach» findet der Angeklagte die Kunst von Alberto Giacometti. So einfach offenbar, dass er den Auftrag annahm, 1500 Skulpturen des Genies zu fälschen. Dafür sitzt der «glühende Anhänger» des berühmten Künstlers jetzt vor Gericht.

Eine Skulptur von Alberto Giacometti zeigt einen grossen, sehr dünnen Mann, der mit seinem rechten Arm auf etwas zeigt.

Bildlegende: Eines der Vorbilder für die Fälscherbande: Giacomettis Bronzefigur «Zeigender Mann» («L’homme au doigt») von 1947. Reuters

Ein Bildhauer hat vor dem Landgericht Stuttgart die Fälschung Hunderter vermeintlicher Giacometti-Skulpturen gestanden. Sein Anwalt sagte am Mittwoch, dem Angeklagten sei bewusst gewesen, dass seine Skulpturen auf dem Kunstmarkt als Originale ausgegeben wurden.

Der 56-Jährige gilt als künstlerischer Kopf einer Bande, die über Jahre mit wertlosen Metallskulpturen in Deutschland Millionen gemacht hat. Laut Anklage geht es um einen Schaden von 8 Millionen Euro. Zudem habe es Pläne gegeben, mit Fälschungen weitere 50 Millionen Euro zu erzielen. Viele Skulpturen trugen die typischen Giacometti-Signaturen und die passenden Giessereistempel.

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Tausend falsche Giacomettis

7:39 min, aus Kulturplatz vom 16.9.2009

Keine Reichtümer angehäuft

Der Angeklagte habe die Skulpturen auch mit Signaturen versehen. Am Vertrieb der Fälschungen sei er aber nicht beteiligt gewesen, sagte sein Verteidiger. Auch habe er keine Reichtümer angehäuft, sondern lebe mittellos. Sich selbst bezeichnete der Angeklagte als «glühenden Anhänger» Giacomettis. Dessen Werke seien «super-genial einfach».

Werke des Bildhauers Alberto Giacometti (1901–1966) werden auf dem Kunstmarkt hochgehandelt. Seine Bronzefigur «Zeigender Mann» wurde im Mai für rund 141,3 Millionen Dollar inklusive Kaufprämie versteigert und stellte damit einen Auktionsrekord der teuersten je versteigerten Skulptur auf. Laut Schätzungen hat der Bildhauer maximal 500 Skulpturen hergestellt – im Lager der Bande wurden mehr als 1000 Fälschungen gefunden. Der Angeklagte gab laut Medienberichten an, mindestens 1300 Giacomettis gefälscht zu haben.

Eine fantasievolle Legende

Das Landgericht Stuttgart hat in dem Fall bereits fünf Urteile gefällt: Die beiden anderen Köpfe der Bande, die mit den Fälschungen handelten, erhielten Haftstrafen von jeweils mehr als sieben Jahren. Der Bildhauer war in Thailand untergetaucht. Bei seiner Rückkehr nach Holland wurde er verhaftet und an Deutschland ausgeliefert.

Zwei Skulpturen aus Metall: Ein Kopf und ein Frauenkörper.

Bildlegende: Im Lager der Bande wurden mehr als 1000 Fälschungen gefunden. SRF

Eine Haftstrafe von gut neun Jahren bekam ein Mann, der sich stets als «Reichsgraf von Waldstein» und Freund von Alberto Giacomettis Bruder Diego ausgab. Er erzählte seinen Kunden, die Skulpturen stammten aus einem von den Erben Giacomettis geheim gehaltenen Fundus. Zum Beweis der Echtheit und der Legende legte er ebenfalls gefälschte Echtheitszertifikate sowie das Buch «Diegos Rache» vor. Gestrickt hatte die fantasievolle Legende ein Mainzer Antiquitätenhändler, der vom Landgericht Stuttgart zu gut sieben Jahren Haft verurteilt wurde.

Die Bande flog vor sechs Jahren auf, als sie einem verdeckten Ermittler des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg gefälschte Metallskulpturen für 1,3 Millionen Euro anbot. Wenig später wurde in Mainz ein Lager ausgehoben. Das Stuttgarter Landgericht hat sieben weitere Termine bis Mitte August terminiert. Es sollen sechs Zeugen gehört werden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 1.7.2015, 17:30 Uhr