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Harald Naegeli: Der unbekannte Zeichner hinter dem Sprayer
Aus Kultur-Aktualität vom 21.04.2021.
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Harald Naegelis Zeichnungen Wie ein Strich in der Landschaft

Bekannt ist er als Sprayer. Eine Ausstellung widmet sich nun einem eher unbekannten Talent des umstrittenen Zürchers.

Frauen, Flamingos, Blitze, Fische, Augen und Wanzen – das ist die Welt von Harald Naegeli. Ende der 1970er-Jahre hat er angefangen, diese Motive an Wände zu sprayen: Ein weicher Strich in weniger als einer Minute angebracht. Filigrane Figuren, die um Hausecken blicken, mit Räumen und Orten spielen. Das ist sein Markenzeichen.

Für die Street-Art-Künstlerin und Kunsthistorikerin Ana Vujic ist sein Schaffen eine Inspiration: «Zuerst habe ich die klassische Graffiti-Kunst gekannt, die sich vor allem auf Schrift reduziert. Für mich war das Revolutionäre an Harald Naegeli zu sehen, dass man die Spraydose ganz anders gebrauchen kann.»

Legende: Harald Naegelis Sensenmann: Ein gesprayter Gruss in der Zürcher Rämistrasse. KEYSTONE/Ennio Leanza

Poetische Bildsprache, die sich nicht wegwischen lässt

Statt grossflächig bunte, technisch aufwändige Graffitis zu schaffen, hat Naegeli eine reduzierte, poetisch verspielte Bildsprache entwickelt. Obwohl seine Arbeiten immer wieder weggeputzt wurden, hat er bis ins hohe Alter weitergemacht. 2020 hat ihn die Stadt Zürich überraschenderweise mit dem Kunstpreis geehrt.

Harald Naegeli

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Legende: KEYSTONE / Alexandra Wey

Harald Naegeli (geb. 1939 in Zürich) studierte in Zürich und Paris und machte sich in den 1970er-Jahren einen Namen als «Sprayer von Zürich». Seine Arbeiten sind stets Protest gegen Uniformierung und den gängigen Kunstbegriff.

Auch in seinem neuen Buch «Wolkenpost» (Diogenes) schreibt er über Graffiti und Zeichnungen. Aber auch über Begegnungen mit Mensch und Tier, über die Lektüre, die ihn inspiriert, über seinen unzerstörbaren Glauben an die Utopie und seine Sicht auf die Kunst – nicht nur im öffentlichen Raum.

Für Ana Vujic ist Naegelis Sicht auf Kunst zentral: «Mich hat er in der Frage beeinflusst, wo Kunst hingehört. Ich glaube, das ist ein wichtiges Thema seiner Werke im öffentlichen Raum. Sind sie Kunst? Sind sie nicht Kunst? Dass etwas in einem Kunsthaus Kunst ist, aber an der Fassade eines Gebäudes als Vandalismus deklariert wird, fand ich spannend.»

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Harald Naegeli - der streitbare Zürcher Street-Art-Pionier
Aus Kulturplatz vom 27.06.2018.
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Er zeichnet täglich

Mit Graffitis gegen ein institutionelles Kunstverständnis – das ist Naegeli, wie er bekannt ist. Aber er ist nicht nur ein Sprayer, sondern vor allem ein Zeichner.

«Er zeichnet täglich. Er geht in die Natur, nimmt sein Skizzenbuch mit, macht Tier- und Naturbeobachtungen, geht ins Atelier und zeichnet dort. Das ist sein privates Leben», sagt Manuela Hitz, Kuratorin am Zürcher Musée Visionnaire, wo Naegelis zeichnerisches Werk nun erstmals in der Schweiz zu sehen ist.

Legende: Erstmals in der Schweiz: Harald Naegelis zeichnerisches Werk im Musée Visionnaire. © 2020, PRO LITTERIS, ZÜRICH

Seine Zeichnungen haben mit den Graffitis viel gemeinsam. «Er sucht in den Zeichnungen auch die Reduktion – mit wenigen Strichen etwas darzustellen. Ein Gefühl. Eine Bewegung», so Manuela Hitz.

Feine, präzise Striche, einzelne Punkte kommen aufs Papier. Mal dicht beisammen, dann wieder lockerer angeordnet.

Legende: Präzise und fein: Flamingos, 1987 Harald Naegeli. © 2020, Pro Litteris, Zürich

Landschaften, die wie Notenpartituren erscheinen

Während des Zeichnens verdichtet sich bei ihm die Komplexität der Natur. So bildet sich die Bewegung eines Vogelschwarms, ein Grasbüschel im Wind, ein zuckender Blitz oder eine kleine Landschaft, die wie eine Notenpartitur aussieht.

Im starren Medium der Zeichnung sucht Naegeli eine Illusion von Bewegung zu erzeugen – mit Bleistift, Kohle und Tusche, auf verschiedenen Papierarten. «Er nimmt Abfälle von Passepartouts, also den Innenteil, den man normalerweise wegwirft. Zum Teil nimmt er auch Blätter von alten Büchern. Das Papier, auf das er zeichnet, hat schon eine Geschichte», sagt Manuela Hitz.

Papier mit Vergangenheit

Wie die Wände, auf die er sprayt, so hat auch das Papier eine Vergangenheit. Seine Zeichnungen weisen damit über das eigentliche Bild hinaus. Das versucht die Ausstellung im Musée Visionnaire aufzunehmen, mit einem Birkenast und kleinen Staffeleien, erklärt Manuela Hitz, denn «in seiner Wohnung hat er einen Birkenast, den er gerettet hat.»

Legende: Starre Striche werden unter seinem Stift zu Bewegung: Harald Naegeli beim Zeichnen in seiner Düsseldorfer Wohnung. KEYSTONE / DPA / Federico Gambarini

Das sei darum spannend, weil es wie ein Strich im Raum aussieht, von der Natur gemacht. «Es gibt ganz viele Staffeleien. Er liebt es, wenn Zeichnungen nicht an die Wand gedrückt werden, sondern wenn sie mitten im Raum stehen und mit dem Raum spielen», so Manuela Hitz.

Wenn man sich durch die Ausstellung bewegt, sieht man so immer wieder neue Kombinationen von Bildern. Bewegung im Kleinen wie im Grossen, in den Sprayereien wie in den Zeichnungen – und besonders in den Köpfen. Das ist es, was Harald Naegelis Kunst ausmacht.

Infos zur Ausstellung

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«Harald Naegeli – der bekannte Unbekannte» läuft noch bis Dezember 2021 im Musée Visionnaire in Zürich.

Die Ausstellung ist in drei zeitliche Abschnitte gegliedert:

Teil 1: Landschaften und Tiere (März bis Juni 2021)
Teil 2: Mensch und Vergänglichkeit (Juli bis Oktober 2021)
Teil 3: Urwolken (Oktober bis Dezember 2021)

SRF2 Kultur, Kultur Aktualität, 21.04.2021, 17:20 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Richard Meier  (meierschweiz)
    "Dass etwas in einem Kunsthaus Kunst ist, aber an der Fassade eines Gebäudes als Vandalismus deklariert wird, fand ich spannend." Na ja, so spannend ist das auch wieder nicht. Es gibt manches, das ich weder im Kunsthaus noch in der Öffentlichkeit als Kunst wahrnehme. Aber wenn es eine Galerie ausstellt, steht es dort legal. Und wenn ein Künstler beauftragt wird, im öffentlichen oder privaten Raum etwas zu gestalten, ist es auch legal. Aber Nägeli sprayte damals illegal und anonym.
  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Was H. Naegeli auf Papier zeichnet, will ich nicht bewerten. Was er in den 1970-er Jahren in Zürich auf gepflegte, private und öffentliche Hauswände gesprüht hatte, war für mich vorallem ein Ärgernis.