Hildebrand Gurlitt raubte Kunst für Hitler – und von ihm

Seit zwei Jahren sorgt der Name Gurlitt zuverlässig für Aufregung. Die US-Autorin Susan Ronald setzt einen drauf: Im Buch «Hitler's Art Thief» untersucht sie die Geschäfte des mächtigen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt im Dritten Reich. Sie spart nicht mit schmissigen Aussagen und klaren Wertungen.

Illustration: Das Gesicht des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt

Bildlegende: Nach dem Krieg gab Hildebrand Gurlitt den altruistischen Kunstretter. Das Buch von Ronald zeigt, dass er das nicht war. SRF/Cecilia Bozzoli

Die Story hat Zug: Geraubte Kunstwerke, die heute Millionen wert sind! Nazi-Verbrechen an Menschen und am europäischen Kulturerbe! Ein windiger Kunsthändler mit jüdischer Grossmutter mittendrin! Kein Wunder also, erzählt Susan Ronald die Geschichte von Hildebrand Gurlitt so, dass Schlagzeilen und Ausrufezeichen mitklingen.

Die US-amerikanische Autorin, die sich gerne mit historischen Themen beschäftigt und ihr letztes Buch über die Religionskriege im elisabethanischen England veröffentlicht hat, geht im Fall Gurlitt den Wurzeln des Bösen auf die Spur. Sie spart nicht mit Wertungen und verortet Hildebrand Gurlitts Karriere in den Kunstkreisen und in der Zeitgeschichte, vom Ersten Weltkrieg über die deutsche Zwischenkriegszeit und das nationalsozialistische Regime bis in die Nachkriegszeit.

Eine Karriere im Dritten Reich

Hildebrand Gurlitt setzte sich als Museumsleiter ab 1925 für den deutschen Expressionismus ein. Bereits zu dieser Zeit begann er auch als Kunsthändler für reiche Industrielle zu arbeiten. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verlegte sich Hildebrand Gurlitt, der eine jüdische Grossmutter hatte, ganz auf das Kunsthändler-Geschäft. Und wurde einer der mächtigsten Kunsthändler im Dritten Reich.

Gurlitt war nicht nur einer der vier Kunsthändler, welche die beschlagnahmten Werke der sogenannten «entarteten Kunst» aus deutschen Museen ins Ausland verkauften – und damit die unerwünschte moderne Kunst in Zeiten der Hyperinflation in gefragte ausländische Devisen umwandelten. Gurlitt wurde nach Kriegsbeginn auch der wichtigste Händler im besetzten Frankreich.

Systematische Beraubung

Dort organisierten die Nationalsozialisten einen Kunstraubzug in bisher unbekanntem Ausmass: Jüdische Kunstsammlungen wurden systematisch geplündert. Göring, Hitler und andere Nazigrössen bauten ihre Privatsammlungen mit geraubten Werken auf. Und was nicht in die Sammlungen passte, wurde über Kunsthändler auf verschlungenen Wegen in den US-amerikanischen oder Schweizer Kunstmarkt geschleust, um wiederum gefragte Devisen zu beschaffen.

In Frankreich war Gurlitt in Hitlers Auftrag unterwegs, er sollte für das Super-Museum des Führers in Linz Schätze sichern und wurde dafür mit reichlich Reichsmark ausgestattet. Allerdings kamen viele der eingekauften Werke nie in Berlin oder München an, sie gingen unterwegs «verloren».

Susan vermutet, dass Gurlitt sie abzweigte und weiterverkaufte. Belegen kann sie das allerdings nicht. Nur die Differenz zwischen beantragten Ausfuhrgenehmigungen aus Frankreich (also «Einkäufen») und in Deutschland angekommenen Werken, die kann sie nachweisen.

Für und von Hitler gestohlen

Hildebrand Gurlitt hat also nicht nur geraubte Bilder für Hitler ausgewählt und eingekauft, er hat auch von Hitler gestohlen. Das ist eine wichtige Einsicht, die Susan Ronald zu Tage fördert. Die lückenhafte Quellenlage, Hildebrand Gurlitts mutmassliche Vorsicht, die Diskretion nicht nur der Schweizer Banken, sondern auch des Kunstmarkts, erschweren Belege.

Dennoch: Mutmassungen darüber, dass Gurlitt in der Schweiz und in Österreich sichere Bilderlager für seine exorbitante Sammlung angelegt habe, anonyme Hinweise aus dem Bankensektor, Gurlitt habe Schweizer Konten unterhalten, bleiben unbelegte Mutmassungen.

Ein detailliertes Psychogramm des Bösen

Susan Ronald liebt schmissige Aussagen und klare Wertungen. Ihre Kapitel heissen wahlweise «Die Wurzeln des Bösen», «die Kammern des Schreckens» oder «König Raffke», auch wenn die Quellenlage aus bekannten Gründen dürftig ist. Die Autorin versucht ein detailliertes Psychogramm des Bösen an sich, verkörpert von Hildebrand Gurlitt, zu erstellen.

Das wirkt auf deutschsprachige Leser ungewöhnlich naiv, denn die sind durch die teils herausragende historische Forschung zum Dritten Reich differenziertere Herangehensweisen gewohnt, die auch zu klaren Urteilen führen.

Gurlitt war ein gewiefter Händler

Susan Ronald schafft es aber, einige Dinge klarzustellen. Etwa, dass Hildebrand Gurlitt kein altruistischer Kunstretter war. So hat er sich nach dem Krieg dargestellt. Gurlitt war ein gewiefter Händler. Und er handelte in einem so grossen Ausmass mit Raubkunst, dass die Alliierten ihn nach dem Krieg der Kriegsverbrechen verdächtigten.

Doch Gurlitt kam nach dem Krieg ungeschoren davon. Dies vermutlich nur, weil nicht weiter untersucht wurde: Die US-amerikanische ALIU («Art Looting Investigation Unit») stellte die Untersuchung der nationalsozialistischen Raubzüge durch Europas Kulturerbe bereits 1946 aus politischen Gründen ein.

Hildebrand Gurlitt baute sich über alte Freundschaften eine neue Karriere im Nachkriegsdeutschland auf. Die Folgen werden uns noch eine ganze Weile beschäftigen.

Buchhinweis

Wer die 300 Seiten auf Englisch in Angriff nehmen möchte, der lese Susan Ronalds Buch: «Hitler's Art Thief» ist bei St. Martin's Press in New York erschienen.

Weiteres Buch über Gurlitt

Auch die britische Journalistin Catherine Hickley schrieb über den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt: Sie schildert in einem fesselnden Buch, wie er sich eine goldene Nase verdiente.

Catherine Hickley: «The Munich Art Hoard: Hitler's Dealer and His Secret Legacy», Thames & Hudson, 2015 (zur Buchbesprechung).