Igor Savitzky: Retter der verbotenen Kunst

Der Kunstsammler Igor Savitzky rettete Zehntausende von Bildern vor der Vernichtung durch das Sowjetregime. Fernab von Moskau und der Zensur des Kremls schuf er eine einzigartige Sammlung verbotener Kunst.

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Yevgeny Lysenkos Bild «Faschismus im Anmarsch»

0:46 min, aus Sternstunde Kunst vom 21.4.2013

Mitten in der Wüste Usbekistans – genauer: in Nukus, der Hauptstadt von Karakalpakistan – steht ein Museum. Wer es betritt, taucht ein in eine Welt aus leuchtenden Farben und orientalischen Motiven. Die Sammlung von Avantgardekunst aus Zentralasien und diejenige russischer Avantgarde, die zweitgrösste überhaupt, sind für Besucher schlicht atemberaubend.

Das Museum ist das Lebenswerk von Igor Savitzkky. Er wurde 1915 als Sohn einer wohlhabenden Anwaltsfamilie in Kiew geboren. Um seine aristokratische Herkunft zu verstecken, arbeitete er anfangs als Elektriker. Doch er träumte schon damals davon, Maler zu werden.

Die Farben der Wüste

Der Kunstsammler Igor Savitzky, Porträt mit Hut.

Bildlegende: In der Wüste Usbekistans entdeckte Igor Savitzky verborgene Kunstschätze. unbekannt

Im Jahr 1950 kam er als Expeditionszeichner erstmals nach Karakalpakistan, für archäologische Ausgrabungen in der Grossoase Choresmien. Er war überwältigt von der Kultur und den subtilen und intensiven Farbveränderungen der Wüste: «Die Wüste ist die beste Schule für einen Maler, der den Klang der Farben erfassen will.»

Savitzky war ein Bewunderer des bekannten russischen Malers Robert Falk. Doch als Savitzky ihm seine Bilder zeigte, reagierte dieser mit einer geradezu vernichtenden Kritik. Darauf zerstörte Savitzky all die Bilder, die er gemalt hatte, und zog sich definitiv in die Wüste zurück.

Er wurde vom leidenschaftlichen Maler zum leidenschaftlichen Sammler: Fernab von der Zensur des Kremls begann er zuerst karakalpakisches Kunsthandwerk und dann Bilder vor dem Sowjetregime zu retten, unermüdlich und mit viel Mut.

Das heimliche Zentrum der Avantgarde

In der Wüste entdeckte Savitzky zahlreiche verborgene Kunstschätze: Denn Usbekistan war nach der Oktoberrevolution von 1917 zu einer Art heimlichem Zentrum der Avantgarde geworden. Viele Künstler aus der Sowjetunion waren hierher geflüchtet. Sie waren fasziniert vom Licht und den leuchtenden Farben dieser für sie so exotischen Region.

Savitzky stiess auf Bilder von grossartigen Malern wie Alexander Volkov und war erstaunt, vorher noch nie etwas von ihnen gehört zu haben. Die Bilder dieser Künstler waren alle der sowjetischen Zensur zum Opfer gefallen, weil sie nicht dem Diktum des sozialistischen Realismus entsprachen. Die Maler orientierten sich an Vorbildern wie Van Gogh, Gaugin, Cézanne und Seurat und gründeten hier im Orient ihre eigene Avantgarde-Kunst.

Die Kunst einer verlorenen Generation

Rastlos reiste Savitzky herum und verschuldete sich gar, um den Künstlern und Nachfahren die auf dem Dachboden oder unter Betten versteckten Werke abzukaufen. Ende der 1950er Jahre machte er sich auch immer wieder nach Russland auf: Über 20 Mal legte er die 1700 Kilometer zwischen Nukus und Moskau mit Zug und Lastwagen zurück und verliess Moskau jeweils wieder mit Stapeln von Leinwänden und Kisten voller Gemälde.

Seine Leidenschaft für die Kunst trieb ihn bis zu seinem Tod an. Selbst als er im Spital in Moskau im Sterben lag, füllte er noch zwei Container mit Gemälden. Als Savitzky 1984 starb, hatte er über 44‘000 Gemälde und Zeichnungen gesammelt – die Kunst einer verlorenen Generation.

Exekutiert, verbannt und weggesperrt

Es waren Werke von Malern, die ihrer Vision treu blieben und die Zerschlagung ihrer Hoffnungen und Träume thematisierten. Und teuer dafür bezahlten: Viele Künstler fielen Stalins Säuberungen zum Opfer. Sie wurden exekutiert, in die Psychiatrie weggesperrt oder in ein Straf- und Arbeitslager, so genannte Gulag, verbannt.

Auch Savitzky setzte mit seiner Sammlung immer wieder sein Leben aufs Spiel. So bot er etwa 1983 dem Kulturministerium eine Werkauswahl an, weil er dringend Geld brauchte. Darunter befanden sich auch Bilder der Künstlerin Nadezhda Borovaya. Borovaya war unter Stalin in einen Gulag deportiert worden. Auf ihren Bildern waren Szenen des Grauens zu sehen.

Savitzky erzählte der Kommission einfach, dass das auf den Bildern Konzentrationslager der Nazis seien. Die Kommission glaubte ihm und gab ihm das Geld. Später bemerkte er dazu: «Borovayas Werke waren einmalige Augenzeugenberichte der Repressionen. Ich musste dafür sorgen, dass sie eines Tages bekannt würden.»

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Babanazarova darüber, wie Savitzky die Inspektoren austrickste

1:55 min, aus Sternstunde Kunst vom 21.4.2013

Verbotene Kunst auf Staatskosten

Dabei sammelte Savitzky nicht im Stillen vor sich hin, sondern involvierte auch sein Umfeld. Er brachte sogar den lokalen kommunistischen Parteichef dazu, gegen die Parteilinie zu verstossen. Schliesslich schaffte Savitzky das schier Unmögliche: Er erhielt ein Museum, in dem er mit Staatsgeldern usbekische Volkskultur und – von der Regierung als «entartet» abgelehnte – Avantgarde-Kunst ausstellte.

Für Savitzky war das Museum mehr als ein Traum. Die Sammlung war für ihn ein wichtiger Zeitzeuge der Geschichte: «Halte diese Sammlung unter allen Umständen zusammen. Eines Tages werden die Leute die Bedeutung des Museums erkennen», gab er seiner Nachfolgerin, Marinika Babanazarova, mit auf den Weg. Seit bald 30 Jahren führt sie Savitzkys Nukus-Museum.

Zahlreiche Meisterwerke wurden noch nie ausgestellt, weil das Geld fehlt, um sie zu restaurieren. Und in den Gängen des Museums stehen Wasserbehälter als Luftbefeuchter für die Bilder.

«Hüter der Seelen der Künstler»

Doch für Marinika Babanazarova ist klar: Die Bilder bleiben da, auch wenn heute Kunstsammler aus den USA und Europa in ihren Privatjets angeflogen kommen und viel Geld für die Bilder anbieten. «Karakalpakistan ist ein sehr armes Land, sein einziger Reichtum ist dieses Museum», so die Direktorin. Die Künstler hätten ein sehr unglückliches Leben gehabt, doch sie hätten Schutz in Nukus gefunden.

Savitzky selbst sagte einst: «Ich sehe unser Museum als Hüter der Seelen der Künstler. Die Bilder sind der Ausdruck einer gemeinsamen Vision, die nicht zerstört werden kann.»

Eine Vision, welche die heutige Direktorin nicht nur gegen den Zerfall der Bilder und zahlkräftige Kunstsammler verteidigen muss, sondern auch gegen den Druck der usbekischen Regierung. Der Erfolg des Museums und der Besuch von Kunstliebhabern und Journalisten aus aller Welt zogen den Argwohn der usbekischen Behörden auf sich. In den letzten Jahren wurden die Direktorin und die Museumsangestellten wiederholt verhört. Ein Teil des Museums ist inzwischen geschlossen worden.

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