Zum Inhalt springen
Inhalt

Kunst Ist das Kunst oder Angst vor der Leere?

Seit es Verkehrskreisel gibt, haben wir ein Luxusproblem mehr: Was tun mit diesen Unorten? Müssen wir die Leere ertragen oder sollen wir lieber unsere Verkehrsinseln hübsch möblieren, etwas Unanstössiges in ihre Mitte stellen und es dann euphemistisch «Kreiselkunst» nennen?

Legende: Video Achtung Kreisverkehr oder Kunst als Hindernis gedacht abspielen. Laufzeit 04:47 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 30.04.2014.

Das Ei der Verkehrsplaner, wer hat‘s erfunden? Die kreiselförmige Lösung des Kreuzungsproblems erblickte als «Roundabout» das Neonlicht in der Welt englischer Verkehrsplaner. Die schon wieder! In der Schweiz begann die systematische Verkreiselung von Kreuzungen in der Agglo relativ spät, Anfang der 1980er-Jahre, dafür dann aber gleich flächendeckend und aufwendiger als in anderen Ländern – man gönnt sich ja sonst nichts.

In der Mitte eines Verkehrskreisels befindet sich zwingend ein nutzungsfreier, ein von Bedeutung und Sinn befreiter Raum. Kurz: ein Unort. Diesen Ort, an den niemand gelangt, den niemand anders haben will, diesen Ort überlassen wir der Kunst. Ein euphemistischer Verkehrsplaner macht daraus: Der Kreativität wird ein zentraler Platz eingeräumt. Schöner lässt‘s sich kaum sagen.

Horror vacui

Nur wenige Kreisel sind schlichte grüne Raseninseln oder runde Hügel aus Glasgranulat. Es ist, als befiele uns ein seltsames Grauen vor der Leere, ein horror vacui. Und damit kein kulturelles Vakuum droht, muss etwas Sinngebendes, Bedeutungstragendes her. Und so sieht es dann meist auch aus.

Ist das alles Kunst, was wir so leichthin Kreiselkunst nennen? Oft müssen die wehrlosen Rundlinge als Marketing-Plattformen herhalten. Sie tragen Werbung für das lokale Gewerbe oder Kunsthandwerk mit historischen Allegorien oder Heraldik. Auch Obst wird immer wieder gern genommen. Ob es sich um Kunst handelt, bezweifelt der Kunsthistoriker Stephan Wagner, wenn der Zweck allzu offensichtlich ist.

Kunst oder Werbung?

Das Dorf Otelfingen im Aargau trägt eine wüste Wildsau im Wappen. Nun bietet die zersiedelte Zürcher Agglomeration nur noch wenig Raum für Wildsäue, dafür aber immer mehr für Golfplätze. Einer ist bei Otelfingen. Und so muss das arme Borstenvieh das Sportgerät derer schwingen, die in Otelfingen das Sagen haben. Übrigens, ein Hinweisschild auf den Golfpark gibt es im selben Kreisel auch noch.

Kaiseraugst ist eine der ältesten Siedlungen im Aargau; römische Gründung. Heute ist Kaiseraugst eine der am schnellsten wachsenden Industrie- und Wohnorte in der Basler Agglomeration. Und das sieht man, leider. Und so steht dann zwischen Reihenhäusern und Supermarkt in Fertigbauweise eine einsame römische Säule auf dem Kreisel, obwohl doch die Bebauung hier eher barbarisch als römisch ist.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Je offensichtlicher der Zweck einer Skulptur, desto geringer ihr ästhetischer Mehrwert. Es muss ja auch nicht alles Kunst sein, was als Skulptur daherkommt. Wird sie dann nicht von den Bewohnern als Kunstwerk gebraucht und genutzt, erscheint das Verfallsdatum bereits am Horizont.

Wenn sich zum Beispiel die Stadt Zürich weiter nach Westen ausdehnt und Spreitenbach eingemeindet, dann werden IKEA, Möbel XXLutz und Co. in die neue Agglo umziehen. Der übergrosse rote Stuhl im Kreisel hat dann seinen Zweck erfüllt. Also weg damit? Wahrscheinlich schon, es sei denn, der zukünftige Züri-West-Bewohner ist solch ein Ausbund an Kunstliebhaber, dass er ihn als Kunst gebraucht. Doch mit dieser Bedrohung müssen wir leben.

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.