Istanbul Biennale: Ziviler Ungehorsam im Museum

Die 13. Istanbul Biennale wollte mit ihren Werken die Stadt durchdringen. Doch seit im Sommer Zehntausende Türken zu Wutbürgern wurden, ist nichts mehr wie es mal war am Bosporus: Kuratorin Fulya Erdemci musste umdenken, damit Strassenkunst und Biennale-Kunst sich nicht in die Quere kommen.

Tagein tagaus dieses ewige Grau – er hätte sich einfach gelangweilt, erklärte Huseyin Cetinel. In einer Nacht und Nebelaktion hatte der Istanbuler Rentner eine endlos lange Treppe im Herzen seiner Heimatstadt regenbogenfarben angepinselt. Stufe für Stufe in gelb, orange, rot, blau oder grün... Nur wenige Stunden vergingen, dann rückten von der Stadtverwaltung bestellte Maler an und sorgten dafür, dass die Treppe wieder aussah, wie eine Treppe bitteschön auszusehen hat. Grau.

Farbige Proteste

Doch die Geschichte geht weiter: Im ganzen Land ist das nächtliche Pinseln seit Rentner Cetinels Aktion zum Volksport geworden. Bahnunterführungen, Treppenaufgänge, Laternenpfähle – jeder Farbklecks gleicht einer herausgestreckten Zunge in Richtung der Behörden, die das Übermalen inzwischen mehr oder weniger aufgegeben haben. Gut drei Monate ist es her, dass die türkischen Proteste rund um den Gezi-Park ihren Anfang nahmen, nun sind sie zurück!

Farbenfroh, einfallsreich und entschlossen wie eh und je bieten sie das inoffizielle Rahmenprogramm für die 13. Internationale Istanbul Biennale. Der öffentliche Raum als politisches Forum steht im Fokus von Kuratorin Fulya Erdemcis diesjährigem Ausstellungskonzept. Die 51-Jährige berührt damit ein Thema, das aktueller kaum sein könnte.

Forderung nach Mitspracherecht

Nie war der öffentliche Raum in Istanbul so umkämpft wie heute. Nie verlangten so viele Türken nach mehr Mitspracherecht als heute, wo ihre Regierung im Alleingang historische Quartiere in Luxuswohngegenden verwandelt, Istanbuls UNESCO-geschützte Silhouette durch Brücken und Wolkenkratzer verschandelt und die letzten Grünflächen der Stadt zu Bauland macht.

Nahaufnahme der Kuratorin Fulya Erdemci.

Bildlegende: Fulya Erdemci musste für die 13. Biennale umdenken: weg von den künstlerisch besetzten Strassen rein in die Museen. Istanbul Biennale

Dabei liefen die Ausstellungsplanungen bereits seit zwei Jahren, als im Juni Zehntausende Türken auf die Strasse strömten, um gegen die Bebauung des Gezi-Parks zu demonstrieren. Was im Nachhinein wie ein wunderbarer Zufall wirkt, war zunächst ein Problem: Der Gezi-Park, der Taksim-Platz, vom Abriss bedrohte Stadtviertel, all die Orte, über die plötzlich das ganze Land diskutierte, waren von Kuratorin Fulya Erdemci als Ausstellungsfläche vorgesehen gewesen. Nun waren sie bereits besetzt – besser und wirksamer vielleicht, als jedes geplante Kunstwerk es vermocht hätte.

Und nicht nur das. Plötzlich setzte die Nutzung des öffentlichen Raums Genehmigungen von einer Regierung voraus, die gerade erst Tausende von Bürgern mit Wasserwerfern und Tränengas von eben diesen Orten vertrieben hatte. Konnte man mit so einer Regierung noch zusammenarbeiten? Wollte man wirklich «genehmigte» Kunst zeigen?

Private Kunsthäuser als Gastgeber

Nur drei Monate vor Ausstellungsbeginn warfen die Biennale-Organisatoren ihr bisheriges Konzept über den Haufen. Sie entschieden sich, sich mit ihrer Ausstellung über den öffentlichen Raum genau aus diesem öffentlichen Raum zurückzuziehen. Fünf private Kunsthäuser sind nun Gastgeber für die Werke der 88 Biennale-Teilnehmer aus aller Welt. Kein unumstrittener Schritt!

Doch natürlich bleibt der öffentliche Raum auch hier Thema Nummer eins. Etwa, wenn der türkische Künstler Halil Altindere mit seinem Hip-Hop-Video «Wonderland» eine Gruppe Roma-Jugendlicher inszeniert. Ihre Jahrhunderte alte Nachbarschaft wurde vor wenigen Jahren dem Erdboden gleichgemacht und durch moderne Wohnblocks ersetzt. Deren Mieten kann sich keine ihrer Familien leisten.

Das «inoffizielle Rahmenprogramm»

Auch Künstler Murat Akagündüz spielt mit seinem Werk auf den aktuellen Bauboom an. Akagündüz' Fotos zeigen Mondreflexionen auf dem Wasser des Euphrat. Was scheinbar romantisch wirkt, hat einen Haken. Die türkische Regierung überzieht die Flüsse des Landes mit mehr als 2000 Staudämmen und Wasserkraftwerken – ohne Rücksicht auf die Proteste von Flussanrainern und Naturschützern.

Die Istanbul Biennale ist, was sie immer war: politisch. Ausdrücklich aber werden die Besucher in diesem Jahr dazu aufgerufen, es nicht bei einem Gang durch die fünf Ausstellungsorte zu belassen, sondern auch das «inoffizielle Rahmenprogramm» zu beachten. Ob nach wie vor besetzte Parks und Grünflächen, regierungskritische Graffitis oder regenbogenfarbene Treppen – drinnen wie draussen ist es die Mischung aus Kreativität und zivilem Ungehorsam, die Istanbul in diesen Tagen sehenswert macht.

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