Jeff Koons: Klotzen – nicht kleckern

Jeff Koons wird als Genie gefeiert und als König des Kommerzes verteufelt. Sicher ist, dass die Welt diesem Künstler der Superlative zu Füssen liegt. Das Whitney Museum of American Art in New York widmet ihm jetzt eine Retrospektive. Jeff Koons, der Superlativ auf zwei Beinen.

Die Plaza vor dem Rockefeller Center schmückt zurzeit eine elf Meter hohe Skulptur aus 50'000 blühenden Blumen. «Split-Rocker», so der Titel, ist halb Schaukelpferd-, halb Dinosaurierkopf und stammt von Jeff Koons. Wenige Häuserblocks davon entfernt eröffnet die Kleiderkette H & M diese Woche ihre weltweit grösste Filiale mit einer von Jeff Koons gestalteten Fassade und einer Jeff-Koons-Handtasche im Angebot.

Noch ein bisschen weiter nördlich – an Manhattans Upper East Side – zeigt das Whitney Museum mit der bisher grössten Retrospektive Jeff Koons auch die bisher grösste und teuerste Einzelausstellung in seiner Geschichte. Jeff Koons hat New York diesen Sommer fest im Griff. Das gilt für den Rest der Kunstwelt erst recht.

Jeff Koons – der Superlativ

Jeff Koons ist ein wandelnder Superlativ. Der 59-jährige Amerikaner ist der teuerste lebende Künstler, jedenfalls an Auktionen, wo eine seiner Skulpturen im vergangenen Jahr für den Rekordpreis von 58,4 Millionen Dollar versteigert wurde. Er ist einer der umstrittensten Figuren der Szene: Die einen feiern ihn als Genie, die anderen sehen in ihm den Inbegriff des Zynismus und der Dekadenz.

Aufmerksamkeit erregte Jeff Koons erstmals Ende der 70er-Jahre in New York, wo er in kleinen Galerien Staubsauger mit Heiligenscheinen aus Neon versah und sie in Vitrinen stellte. Die Profanität des Schmutzschluckers kontrastierte da mit der hehren Aura der Kunst, à la Pissoir, Readymade von Marcel Duchamps, auf den sich Koons gerne bezieht.

Staubsauger als Kunst

Seither spielt Jeff Koons mit der Gier des Publikums nach immer Neuem, seien es Staubsauger oder Kunst oder Staubsauger als Kunst. Er lässt Nippes und Spielzeug auf Sockel hieven, nachdem ganze Brigaden internationaler Handwerker und Wissenschaftler die Billigversionen in Präzisionsarbeit verwandelt haben.

Das führt zu Werken wie dem gigantischen Haufen bunter Kinderknete aus Aluminium in der Ausstellung des Whitney Museums, dessen Fabrikation Atomphysiker involvierte und so teuer war, dass zuvor mehrere Galeristen davon in den Ruin getrieben worden sind. Der Aufwand der Herstellung steht in keinem Verhältnis zur Gewöhnlichkeit des Dargestellten. So auch in der berüchtigten Serie «Made in Heaven» (1989-91), wo sich Koons auf 2,5 x 3,5 Meter grossen Leinwänden mit dem Pornostar Cicciolina in sämtlichen Stellungen der Kopulation präsentiert.

Der Meister der Gegensätze

Jeff Koons inszeniert sich als Meister der Gegensätze: Kitsch und Kunst, Kommerz und Konsumkritik, Vulgarität und Differenziertheit, Sex und Sinnlichkeit. Er hat die Ikonographie des Banalen zu seinem Markenzeichen und die Wertschöpfung aus dem Nichts zu seinem Spezialgebiet gemacht.

Kein Wunder, gehören zu seinen berühmtesten Skulpturen die bonbonfarbenen Ballon-Hunde und -Hasen, die inzwischen internationale Museen und die Privatparks kaufkräftiger Sammler gleichermassen zieren. Koons hat das Aufblasen des Ordinären perfektioniert und befriedigt damit die Hautevolée ebenso wie das Fussvolk. Ein Ballon-Hund ist nämlich auch auf der Koons-Handtasche von H & M abgebildet. Sie kostet 49.95 Dollar.