57. Biennale in Venedig Kunst für den Weltfrieden, aber ohne Biss

Am Wochenende wird in Venedig die 57. Kunst-Biennale eröffnet. Die Länderpavillons überzeugen auf den ersten Blick – die grosse Ausstellung mündet aber in banaler Harmlosigkeit.

  • Am Wochenende eröffnet die 57. Kunst-Biennale in Venedig.
  • Beim ersten Besuch überzeugen viele starke Länderpavillons – darunter auch der Schweizer Pavillon von Kurator Philipp Kaiser.
  • Die grosse Ausstellung «Viva Arte Viva» will zeigen, wie Kunst Gemeinschaft stiftet – erscheint aber zu harmlos.

Die Kunst-Biennale in Venedig ist die Mutter aller Biennalen. Vor über 120 Jahren fand sie zum ersten Mal statt – und ist trotz fortgeschrittenen Alters quicklebendig. Das zeigt sich dieses Jahr insbesondere in vielen guten Länderpavillons.

Skulptur von Carol Bove im Schweizer Pavillon.

Bildlegende: Grellblaue Skulptur von Carol Bove. Keystone

Im Schweizer Pavillon etwa zeigt Kurator Philipp Kaiser eine starke Schau mit starken Arbeiten, die ganz nebenbei die Themen Nationalität und deren Aufhebung umspielen. Zu sehen sind Werke des Künstlerduos Teresa Hubbard / Alexander Birchler und der Bildhauerin Carol Bove. Wie der Kurator haben alle drei Künstler einen Bezug zur Schweiz, leben und arbeiten aber in den USA.

Giacometti schwingt mit

Carol Boves grellblaue Stahlskulpturen sind ziemliche schroffe Dinger, die in Grösse und Form wohl menschlichen Körpern ähneln, in ihrer Farbigkeit aber an aseptische Aliens mahnen. Frech tragen diese Skulpturen Titel, die bereits der berühmte Bildhauer Alberto Giacometti seinen Skulpturen gegeben hat.

Damit stellt sich Carol Bove in eine Tradition, die sie überformend fortführt. Und der berühmte Giacometti ist auch der Ausgangspunkt für das Werk von Teresa Hubbard und Alexander Birchler. Sie zeigen einen Film über Flora Mayo, eine vergessene Künstlerin, die in Paris mit Giacometti liiert war.

Alberto Giacometti schwingt mit, ohne präsent zu sein im Schweizer Pavillon. Schliesslich hat sich Giacometti zeitlebens geweigert in diesem Pavillon auszustellen. Er wollte sich nicht von einer Nation vereinnahmen lassen.

Aussen massig, innen hohl: Konstrukte von Phyllida Barlow.

Bildlegende: Aussen massig, innen hohl: Säulen von Phyllida Barlow. Keystone

Das Monumentale entlarven

Nation scheint als Kategorie wieder interessant zu sein, in Zeiten, in den Grenzen dicht gemacht werden und Nationalismus Konjunktur hat. Viele Länderpavillons thematisieren nationale Identitäten: Besonders lustvoll wird das Thema im finnischen Pavillon angegangen – mit einem multimedialen Spektakel, das finnische Gründungsmythen travestiert und mit einer Art Muppet-Show kreuzt.

Im britischen Pavillon triumphiert die Bildhauerin Phyllida Barlow. Sie kämpft gegen die Architektur des Pavillons – mit ganz billigen Mitteln: Bauschutt, Spanplatten, Styropor. Barlow stellt riesige Säulen in den Raum, die beinahe das Oberlichtfenster durchstossen, sie stellt viel zu grosse Holzwände ein, die sie dann quer in die Räume kippen muss, damit sie überhaupt reinpassen. Dabei entlarvt sie die monumentale Geste hinterlistig, den die mächtig aussehenden Säulen sind hohl und die Holzwände rasch zusammengespaxt.

Harmlose Stoffe

So stark viele der Länderpavillons sind, so schwach ist die allgemeine Ausstellung von Christine Macel. Die Chefkuratorin des Pariser Centre Pompidou versprach unter dem Titel «Viva Arte Viva» eine fröhliche Kunstfeier. Kurator Okwui Enwezor ging es 2015 auf der Biennale um eine Welt aus den Fugen und ihre Spiegelung in der Kunst. Davon setzt sich Macel deutlich ab. Sie will die Kunst feiern: ihre Schönheit, ihre Sperrigkeit. Dabei landet sie aber allzu oft bei harmlosen textilen Arbeiten und Mitmachprojekten.

Farbige Wollknäuel im Arsenale.

Bildlegende: Viel Buntes, wenig Tiefgang: Wollknäuel von Sheila Hicks im Arsenale. Keystone

Kein Biss, kein Anliegen

Olafur Eliasson lässt Migranten und Besucher gemeinsam für den guten Zweck Lampen bauen. Anna Halprins Tänze für den Weltfrieden sind präsent, bei David Medalla darf das Publikum gemeinsam Flugtickets und Visitenkarten auf eine Stoffbahn nähen und sich danach bei Ernesto Neto unter einem Zeltdach durch die Rituale einer indigenen Kultur aus dem Amazonas von schlechten Energien reinigen lassen. Die gemeinschaftsbildende Funktion von Kunst ist Macel wichtig. Biss hat diese Kunst aber nicht, an den Härten der Realität blickt sie gerne vorbei.

Wohl sind in Macels Ausstellung tolle Arbeiten zu entdecken, die Kuratorin erweist sich als Kennerin nichtwestlicher und osteuropäischer Kunst und zeigt viele unbekannte Positionen, ohne allerdings ein Anliegen spüren zu lassen.

Schamanen, Natur und Wolle

Christine Macel legt ihre Kunstwerke mit dekoratorischer Finesse aus, gruppiert sie zu neun Themenfeldern, ohne einer Sache auf der Spur zu sein oder in die Tiefe zu gehen.

Ernest Netos «A Sacred Place».

Bildlegende: Künstler als Schamanen: Ernesto Netos «A Sacred Place». Keystone

Neben Gemeinschaft, Schamanen und Farben geht es etwa um Natur: In lockerer Folge dokumentiert eine Arbeit von Bonnie Ora Sherk, wie kommmunale Gärten angelegt werden, eine andere zeigt Turnschuhe, in denen Pflanzen wachsen, und obendrauf kommt Land Art der slowenischen OHO Group.

Viel schönes Grün ist da zu sehen. Und gegen Ende türmen sich Sheila Hicks' farbige Wollknäuel bis unter die hohe Decke des Arsenale. Die Ausstellung bleibt derweil über weite Strecken an der Oberfläche kleben.

Sendungen:

Goldene Löwen

Die 57. Biennale die Venezia dauert bis 26.11. Ihre beiden Preise, die Goldenen Löwen, gehen dieses Jahr an Deutsche: An Anne Imhof für ihre Performance im deutschen Pavillon und an Franz Erhard Walther als bester Künstler.

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