Kunst fürs Jetzt: Miriam Cahn wird wiederentdeckt

Eine Vergessene kommt zurück: Das Aargauer Kunsthaus widmet der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn eine grosse Ausstellung. Cahn prägte mit ihrer feministischen Kunst die 80er-Jahre und feierte Erfolge – eine Karriere, die mit einem Polizeieinsatz begann.

Mit einem Paukenschlag begann Miriam Cahn 1979 ihre Karriere. An den Pfeilern der Basler Autobahnbrücke «Nordtangente» brachte sie illegal Kreidezeichnungen als Graffiti an. Und wurde von der Polizei geschnappt. Die Folgen waren: ein Gerichtsverfahren und eine Künstlerin, die ihre Meinung geändert hatte. Was als Protest gegen die Autobahn begann, endete in Begeisterung über die grossen Betonflächen, die Miriam Cahn auf den Pfeilern für ihre Kunst fand.

Kunst ohne Botschaften und Transparente

Eine Frau steht in einer Ausstellung vor zwei rosafarbenen Gemälden.

Bildlegende: Miriam Cahn in einer Aufnahme von 2002. Keystone

«mein frausein ist mein öffentlicher teil» hiess die Zeichnungsarbeit, mit der sich Miriam Cahn als feministische Künstlerin einen Namen machte. Ihre Zeichnungen entstanden seit den 1970er-Jahren unter performanceartigem Körpereinsatz.

Atomkraftwerke, Kriege, Träume, der eigene Monatszyklus – was die Künstlerin beschäftigte, war Thema ihrer Kunst. Wobei diese Kunst nie das Sprachrohr einer Überzeugung war, sondern immer autonom blieb. Miriam Cahn kommt ohne Botschaften und Transparente aus.

Wiederholung als Chance und Gefahr

Heute arbeitet Miriam Cahn im legalen Rahmen. Im Aargauer Kunsthaus zeigt sie derzeit die Ausstellung «corporel/körperlich», die für das «centre culturel suisse» in Paris entwickelt wurde. Eine grosse Überblicksschau mit Zeichnungen, Bildern und Plastiken aus fast 40 Jahren Arbeit.

Zu sehen sind die grossen Zeichnungen aus den 80er-Jahren, für die Miriam Cahn bekannt ist: zeichenhaft festgehaltene Kriegsschiffe, Häuser, Männer, Frauen, Landschaften, und daneben ihre stark farbigen Bilder mit Tieren oder Menschen, die die Betrachter unverwandt anblicken. Immer wieder hat sie dieselben Motive gemalt, neu über sie nachgedacht. «Wiederholung kann gut sein», sagt Miriam Cahn, «wenn daraus etwas Neues entsteht.» Routine und Langeweile aber vermeidet sie. Indem sie zum Beispiel Pflanzen nur mit geschlossenen Augen malt.

Feministische Kunst interessiert wieder

Weisser Vogel mit rotem Schnabel

Bildlegende: Miriam Cahn, «mein schutzengel» (Detail), 10.3.2014 Courtesy Meyer Riegger, Berlin / Karlsruhe & Galerie Jocelyn Wolff, Paris

Nach dem Paukenschlag an der Nordtangente nahm Miriam Cahn rasch an vielen wichtigen Ausstellungen teil. 1982 wurde sie an die Kunstleistungsschau documenta eingeladen, zog ihre Arbeiten aber zurück, weil sie mit der Hängung nicht zufrieden war. 1983 folgte eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel. 1984 vertrat Miriam Cahn die Schweiz an der Kunst-Biennale in Venedig. In den 90er-Jahren aber ging sie langsam vergessen. Jetzt wird Miriam Cahn wiederentdeckt und erhält eine Auszeichnungen nach der anderen (Basler Kunstpreis, 2013, Oberrheinischer Kunstpreis, 2014). Dabei hat sich ihre Arbeit nicht verändert.

«Die Rezeption ist anders», sagt die Künstlerin. Das ist das eine. Eine neue Generation interessiert sich für feministische Kunst und die Künstlerinnen, die sie prägten. Miriam Cahn wechselte ausserdem die Galerie und war so wieder an internationalen Kunstmessen präsent.

Schliesslich und endlich aber besteht ihre Kunst. Manche Zeichnungen aus den 80er-Jahren wirken noch heute stark und frisch. Und die neusten Arbeiten «ereignis ich», die Miriam Cahn nach einem schweren Autounfall malte und zeichnete, sind nicht nur die beeindruckende Verarbeitung eines Schicksalsschlags. Sondern auch eine differenzierte Studie zur menschlichen Wahrnehmung und zur Frage, was wir wann warum wie sehen.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung Miriam Cahn: «corporel / körperlich» ist im Aargauer Kunsthaus vom 24.1. bis 12.4.2015 zu sehen.

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