Zum Inhalt springen

Header

Audio
Kader Attia im Kunsthaus Zürich
Aus Kultur-Aktualität vom 24.08.2020.
abspielen. Laufzeit 03:53 Minuten.
Inhalt

Kunst und Kolonialismus Wunden heilen, die Narben bleiben

Lässt sich Kolonialismus wiedergutmachen? Wie sich der französische Künstler Kader Attia in die aktuelle Debatte einmischt.

Kann man mit Geld Schmerz lindern? Diese und andere Fragen beschäftigen auch den Künstler Kader Attia. Eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich zeigt 38 Arbeiten, mit denen er sich in die aktuelle Debatte um Rückgabe und Wiedergutmachung einmischt.

Kader Attia
Legende: Kader Attia wuchs in einem Pariser Vorort als Kind algerischer Einwanderer auf. Heute lebt er in Berlin. Foto © Camille Millerand

Ein abgedunkelter Raum, gefüllt mit Masken, Köpfen und Figuren aus Holz. Wie stille Wächter stehen die Nachbildungen afrikanischer Artefakte auf ihren Sockeln. Sie blicken stumm, aber mahnend auf eine Videoleinwand. Hier läuft der Film «Les entrelacs de l’objet».

Darin diskutiert Kader Attia mit Historikerinnen, Philosophen und Ethnologen die unterschiedlichen Standpunkte zur Frage: Wie umgehen mit dem kolonialen Erbe?

Ausstellungsansicht
Legende: Kader Attia, Les Entrelacs de l’Objet, 2020. Installation mit Video und 3D-Drucken aus Nylon sowie Holzkopien von afrikanischen Artefakten). Courtesy of the artist, Foto: Franca Candrian, © 2020, Pro Litteris, Zürich 

Der Zürcher Ethnologe Alexis Malefakis sagt in dem Film: «Die Debatte über Dekolonialisierung ist ein unbeliebtes Thema. Da muss man Druck machen, damit es weitergeht.»

Die Debatte werde bislang nur in westlichen, akademischen Kreisen geführt. Sie sei geprägt von unserem nationalen Selbstbild aus dem Geschichtsunterricht.

Dieses Selbstbild zu hinterfragen, würde viele überfordern, sagt Kada Attia. Auch in der Schweiz sei noch immer nicht allen bewusst, dass man sich auch hierzulande an der Ausbeutung der Kolonien kulturell und ökonomisch beteiligt hat, obgleich man keine eigenen Kolonien besass.

Sklaverei lässt sich nicht ungeschehen machen

Attia findet, man mache es sich zu einfach: «Nur weil wir etwas zurückgeben, ist es nicht vorbei. Man kann die toten Körper nicht wieder lebendig werden lassen und die Sklaverei nicht ungeschehen machen.»

Die Ausstellung im Zürcher Kunsthaus zeigt neben Attias neusten Videoinstallation auch ältere Arbeiten, etwa seine «Gueules cassées», die er auf der documenta 13 präsentierte.

Die Holzbüsten stellen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg dar: Männer, die zwar überlebten, aber solch gravierende Verletzungen erlitten, dass ihre Gesichter bis an ihr Lebensende entstellt blieben.

Holzbüste
Legende: Kader Attia, Culture, Another Nature Repaired, 2014–2020. Teakholzskulptur auf Metallständer. Courtesy of the artist and Galerie Nagel Draxler, Foto: Kader Attia, © 2020 ProLitteris, Zürich

Kada Attia reiste damals mit Archivfotos der Versehrten nach Afrika und stellte vor Ort Büsten dieser Gesichter mit traditionellen Kunsthandwerkern her.

Das Werk thematisiere damit nicht nur die Schrecken des Krieges, sagt die Kuratorin Mirjam Varadinis: «Das ist eine Umkehrung der Geschichte der Moderne. Darum geht es bei Kader Attia: um Perspektivenwechsel, dass nicht nur die westliche Moderne alles neu erfunden hat.»

Unmöglich, zum Originalzustand zu kommen

An den Holzbüsten wird noch etwas Wesentliches sichtbar: Verletzungen können zwar verheilen, Narben aber bleiben.

Überhaupt sind die Begriffe Verletzung und Reparatur zwei zentrale Begriffe im Werk des Künstlers. Reparieren meint, etwas wiederherzustellen, zum Laufen zu bringen, wohingegen es bei einer Reparation darum geht, Unrecht auszugleichen, ungeschehen zu machen.

Das geht aber nicht, findet Kada Attia: «Wir haben gelernt, zu glauben, dass man mit Reparation etwas in seinen Ursprungszustand zurückversetzen kann. Aber man kann selbst mit einer Milliarde Euro die Taten nicht ungeschehen machen.» Vielmehr solle man neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln, um das alles aufzuarbeiten, so Attia.

Ausstellungshinweis

Kader Attia – «Remembering the Future», 21. August bis 15 November im Kunsthaus Zürich, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Seine Schau trägt nicht umsonst den Titel «Remembering the Future» – ohne Vergangenheit keine Zukunft. Mit diesen gesellschaftlich drängenden Fragen nach Wiedergutmachung und Restitution mischt sich Kada Attia ein in eine Debatte, die gerade erst begonnen hat.

Das macht seine Kunst über das ästhetische Erleben hinaus wichtig und relevant. Abschliessend fordert er denn auch seine Besucher auf, sich in einem Spiegel zu betrachten. Ein Spiegel, in dem eine tiefe Wunde klafft.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 24.08.20, 06:50 Uhr;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Igor Korol  (Igor Korol)
    Ich hoffe die Künstler vor Ort, welche die Holzbüsten hergestellt haben wurden gerecht entlöhnt, mit europäischen Löhnen versteht sich, sonst wäre diese Kunst auch Kolonialismus. Der Ansatz für Zusammenarbeit scheint mir eine gute Aussage in seiner Arbeit aber mir drückt ein mahnender und zu depressiver Gedanke zu stark durch. Ich wünsche mir mehr positive Impulse der Künstler und das afrikanische Kinderlachen ist auch eine Antwort auf die Vergangenheit, wir sind wer wir heute sind sagt es.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten