Leichte Mädchen, echtes Leben: Prostitution in der Malerei

Alle zwei Wochen ging Vincent van Gogh ins Bordell. Ansonsten widme er sich einzig der Kunst, schrieb der Maler freimütig. Die Ausstellung «Leichte Sitten» im Amsterdamer Van Gogh Museum zeigt, was sich im Paris des 19. Jahrhunderts auf den Strassen und in den Séparées abspielte.

Wenn in Paris die Gaslaternen angezündet wurden und somit die «l’heure du gaz» anbrach, kam Bewegung in den Strassenstrich. Dann begaben sich Damen auf der Suche nach einem Freier zu Avenues wie der Champs-Elysées.

Die meisten Dirnen waren dabei so gut gekleidet, dass ihr Beruf für Aussenstehende nicht in einem Augenaufschlag ersichtlich war. «Unsicherheit und Zweideutigkeit» heisst deshalb der ersten Teil der Ausstellung «Leichte Sitten» im Amsterdamer Van Gogh Museum.

Prostituierte oder nicht?

Die Pariser Avantgardekünstler sind Mitte des 19. Jahrhunderts dem Aufruf von Schriftsteller Charles Baudelaire gefolgt, doch bitte das moderne Leben zu malen. Sie haben das Rotlicht-Milieu ausgiebig thematisiert.

Auf vielen Werken ist nicht eindeutig auszumachen, ob die Dargestellte tatsächlich eine Frau von leichten Sitten ist. Wie bei «Absint» von Edgar Degas, wo undeutlich bleibt, ob die gemalte Frau eine Prostituierte ist, die sich bei einem Glas in einem Café erholt. Dasselbe gilt für das tanzende Frauenpaar im Moulin Rouge auf einem Gemälde von Henri Toulouse-Lautrec.

Puttenengel schauen zu

Keine Zweifel gibt es im zweiten Teil der Ausstellung, bei dem sich alles um das glamouröse Leben der Kurtisanen dreht. Zur Illustration wurde ein mit kitschigen Puttenengeln verziertes Bett aufgestellt.

Die Edelcallgirls waren in jener Zeit echte Superstars. Eine Nacht bei ihnen kostete die reichen und wichtigen Herren bis zu 2000 Francs. Zum Vergleich: Vincent van Gogh, der alle zwei Wochen ein Bordell besuchte, bezahlte jeweils 3 Francs, wie er in seinen Briefen schrieb.

Wo leichte Mädchen paradieren

Die Freudenhäuser hiessen zu seiner Zeit «Maisons Closes». Im nächsten, mit einem dicken roten Plüschteppich ausgestatteten Ausstellungsraum erfährt man, wie es darin zu und herging.

An den Wänden hängen mehrere explizite Nacktszenen von Degas. Einer Prüfung durch die Facebook-Sittenkontrolleure würden sie nicht standhalten. Die Werke stammen teils aus Privatbesitz oder aus renommierten Häusern wie dem niederländischen Rijksmuseum oder dem Picasso Museum in Paris.

Sehr eindrückliche Bordellszenen gibt es von Jean-Louis Forain. Auf «Der Kunde» malte er einen sitzenden Mann samt Zylinderhut. Vor seinen Augen paradieren ein paar nur mit Strümpfen und Boas bekleidete Liebesdienerinnen.

Bände spricht auch sein Gemälde «Ins Bett»: Es zeigt ein ungleiches Paar auf dem Weg ins Séparée. Dabei trägt die junge Frau ein Handtuch über dem Arm und hält eine Kerze in der Hand, während ihr Freier, ein dicker älterer Mann, mit zwei Weinflaschen anrückt.

Die Peitsche darf nicht fehlen

Mehr als 150 Gemälde und Objekte haben die Ausstellungsmacher zum Thema zusammengetragen. Dazu gehören Schmonzetten wie das dicke Register der Pariser Polizei, die über das horizontale Gewerbe gewissenhaft Buch führte, oder eine Peitsche, die eine Kurtisane in ihrem Spazierstock versteckt hatte.

In erster Linie ist es die Avantgarde-Kunst für die sich der Besuch lohnt. Denn erst die Werke von Van Gogh, Toulouse-Lautrec, Degas, Monet, Forain oder vom sehr jungen Picasso zu Beginn seiner blauen Periode machen diese Ausstellung auch wirklich sehenswert.

Sendung: Kultur Aktuell, 22. Februar 2016, 16.45 Uhr

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Leichte Sitten. Prostitution in der französischen Kunst, 1950-1910» ist noch bis zum 19. Juni 2016 im Van Gogh Museum in Amsterdam zu sehen.