Lilly Kellers rasende Lust an neuen Materialien und Techniken

Sie webte Tapisserien, legte das Weberschiff aber nieder: eine Befreiung von der «Frauenkunst». Lilly Keller wandte sich neuen Materialien zu, wie dem weniger weiblich konnotierten Kunststoff Polyurethan. Ein Porträt einer energischen Schweizer Künstlerin.

Lilly Keller in ihrem Atelier.

Bildlegende: Lilly Keller steckt voller Ideen und Schaffensdrang. SRF

Noch immer gibt es Menschen, die beim Namen Lilly Keller an Textilkunst denken. Dabei hat die Berner Künstlerin das Weberschiff 1984 nach Vollendung der «Tapisserie Nr. 70» für immer niedergelegt. Lilly Keller wollte sich mit dieser Geste vom Stigma der «Frauenkunst» befreien. Denn Textilkunst, die in den 1970er-Jahren vor allem von Frauen ausgeübt wurde, war zwar viele Jahre kommerziell sehr erfolgreich. Von den Herren, die über Kunstkritik und Kunsttheorie wachten, wurde sie aber immer ein wenig schief angesehen.

Polyurethan: schnell handeln, schnell denken

Experimentierfreudig wandte sich Lilly Keller weniger weiblich konnotierten Materialien zu. Vor allem der Kunststoff Polyurethan hat es ihr angetan. Ein Material, das rasch aushärtet und schnelles Handeln, schnelles Denken erfordert – ein idealer Werkstoff für eine energische, quecksilbrige Persönlichkeit wie Lilly Keller.

Lilly Keller steckt voller Ideen, voller Schaffensdrang und schaut neugierig um sich, ob sich nicht aus diesem oder jenem Material noch etwas Unerwartetes, Überraschendes machen lässt.

Sie erschafft Polyurethan-Matten, die wie Flechtwerk aussehen und so das technische Material in textiler Verarbeitung zeigen. Sie gestaltet labyrinthische Reliefbilder aus dem gleichen Kunststoff und garniert sie mit kleinen LED- Leuchten.

Sie erzeugt geschmeidige Bänder aus Holz, auf denen ebenfalls Lichtlein blinken. Und sie lässt sich von der Formensprache in ihrem berühmten Garten anregen, und formt Pflanzenteile in Polyurethan nach, wie zum Beispiel das «Grosse Blatt», das 1999 in verschiedenen Farben entstand.

Dunkles Raunen des Unterbewussten

Die Natur ist eines der grossen Themen von Lilly Keller. Und in ihren frühen Assemblagen zeigt sich deutlich ihre Freundschaft und Geistesverwandtschaft mit Meret Oppenheim und Daniel Spoerri. Vogelfedern, Knochen, Eier verbinden sich zu rätselhaft-reizvollen Objektbildern, die das dunkle Raunen des Unterbewussten ins Visuelle übertragen. Die bereits genannten «Blätter», die ausgerechnet aus einem so technischen Material wie Polyurethan entstehen, wirken in ihren Gold- und Rosatönen auf surreale Weise schöner als die Natur sie schaffen kann.

Ein nicht enden wollender Quell an Ideen: die Collage-Bücher

Auch in den Collagen-Büchern, die seit vielen Jahren ein wichtiges Element ihrer Arbeit sind, tauchen oft Blattmotive auf. Seit 1957 gestaltet Lilly Keller diese Bücher. Sie sind Ideensammlungen, Skizzenbücher, Materialtests, Gedankenkompendien und eigenständige Kunstwerke in einem.

Über 70 Bücher – Basis und Kern Kellers Schaffens – sind bis heute entstanden. Jedes ist ein Füllhorn von Ideen und Gedanken. Sie zeigen Kellers rasende Lust, sich immer wieder an neuen Materialien und Techniken auszuprobieren. Und sie zeugen ihrer grossen Leidenschaft für die Natur und ihrem Interesse an gesellschaftlichen Fragen.

Nur der Mantelzipfel ist sichtbar

Gerade die soziale und politische Stellung der Frau hat Lilly Keller stets intensiv beschäftigt. Besonders kritisch hat sie sich in ihrem eigenen Umfeld, der Kunst- und Kulturszene, umgesehen. In einem ihrer aufwendigen Collagen-Bücher, dem sie den Titel «Der Leidensweg der Frau in der Kunst» gegeben hat, sammelt sie Belege für die Ungleichbehandlung der Geschlechter.

Da findet sich etwa die Besprechung einer Gemeinschaftsausstellung von Lilly Keller und Friedrich Kuhn im Jahr 1953, in der der Kuhn weit ausführlicher gewürdigt wird als Lilly Keller. Auf dem Foto hat man die junge Künstlerin sogar abgeschnitten. Nur ihr Mantelzipfel ist am Bildrand erkennbar.

Hinweise zum Thema

  • Aktuell ist Lilly Keller Teil des Kunstprojektes «Der Elefant ist da» von Muda Mathis und Sus Zwick, das im Herbst 2014 den Helvetiaplatz in Bern bespielt.
  • Begegnung mit Lilly Keller feiert im Rahmen der Zweitausstrahlung der Filmreihe «Cherchez la femme» der Sternstunde Kunst Premiere.

Literaturhinweis

«Lilly Keller. Das Leben. Das Werk». Benteli Verlag. 2010.

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