Markus Raetz verblüfft durch Kunst mit doppeltem Boden

Markus Raetz ist ein experimentierfreudiger Meister an der Druckplatte. Und ein so verschmitzter wie kluger Sprachspieler. Eine Ausstellung im Musée Jenisch in Vevey zeigt die vielen Facetten des Künstlers, darunter auch seine Leidenschaft für Sprache und Literatur.

In der Kunst ist alles eine Frage des Blickwinkels. Und keiner weiss das besser als Markus Raetz. In seinem «Hasenspiegel» – einem Objekt aus Draht und einem Spiegel – sieht man einen Hasen. Doch nicht nur. Verändert man den Standpunkt ein wenig, wird auch ein Mann mit Hut sichtbar.

Nicht nur für Raetz-Novizen

Der Berner Künstler mit Jahrgang 1941 ist ein Meister des leisen Witzes und der subtilen Doppeldeutigkeiten. Auf internationalem Parkett hat er sich mit seinen schlichten aber trickreichen Objekten und seinen technisch wie motivisch raffinierten Druckgrafiken einen Namen gemacht. Im Kanton Waadt indes war er bisher kaum präsent.

Das Musée Jenisch, das die grafische Sammlung des Kantons bewahrt, möchte dies nun ändern. In Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern zeigt es die kleine, feine Schau «SEE-SAW». Die ausgewählten Objekte und Arbeiten auf Papier werden nicht nur Raetz-Novizen begeistern.

Faszinierende Missverständnisse

Markus Raetz verwandelt nicht nur Hasen in Hutträger. In seinem Universum wird aus einem «NO» aus grossen Lettern in wenigen Schritten ein «YES». Ein «RIEN» verwandelt sich mit einer Bewegung des Kopfes in ein «TOUT». Und das «ME» wird zum Spiegelbild des «WE».

Raetz Sprachspielereien sind so amüsant wie tiefgründig. Für den Künstler selbst ist die Sprache mit all ihren kleinen Tücken eine wichtige Inspirationsquelle. Seit vielen Jahren hegt Raetz eine Faszination für Missverständnisse und Begriffe, die verschiedene Bedeutungen haben. Gern spürt er ihnen in Wörterbüchern nach. «Wie man mit den gleichen Wörtern ganz verschiedene Sachen sagen kann, finde ich sehr inspirierend», erklärt er.

Schnörkel der Freiheit

Auch aus der Literatur holt sich Raetz Anregung. Mehrfach hat er sich künstlerisch mit literarischen Werken auseinandergesetzt, nie aber in schlicht illustrierender Weise. Eine wichtige Lektüre war für ihn der «Tristram Shandy» von Laurence Sterne – ein englischer Roman, der ab 1761 in einer Folge von Skizzen, Einschüben und Volten erschien.

«Tristram Shandy» nahm in jener aufklärerischen Zeit viele Elemente der Moderne vorweg und liest sich noch heute avantgardistisch. Gegen Ende des Buches findet sich eine Zeichnung: ein Schnörkel, der illustriert, wie eine der Figuren des Romans ihren Stock durch die Luft schwingt, begleitet vom Ausruf «Solange der Mensch frei ist». Diese Schnörkel der Freiheit hat Raetz aufgenommen und verschiedentlich in seine Arbeiten auf Papier integriert.

Verschmitzte Sprachphilosophie

Auch die Lektüre Raymond Roussels hat Markus Raetz angeregt. Der 1933 verstorbene französische Autor arbeitete in seinen Romanen mit Wortspielen und Klang-Assoziationen und wurde damit zu einem geistigen Wegbereiter des Surrealismus.

Überall ist spürbar, wie intensiv sich Markus Raetz mit Literatur und Sprache auseinandersetzt. Das zeigt auch die Ausstellung in Vevey. In Raetz' Arbeiten steckt eine ganze Sprachphilosophie, die bescheiden und verschmitzt auftritt, als sei alles nur ein heiteres Vergnügen. Und die voller Optimismus und Menschenfreundlichkeit steckt. Denn bei Raetz verbirgt sich in jedem «NO» ein «YES», jedes «ME» ist immer auch ein «WE». Und nicht einmal das Nichts ist endgültig.