Medienkunst zeigt: Wir sind Komplizen der Überwacher

«Track Sleep. Track Steps. Track Habits. Track Life.» Im Trailer zum Berliner Medienkunstfestival Transmediale bringt eine sonore Frauenstimme das diesjährige Thema auf den Punkt: Unser Leben lässt sich heute bis ins kleinste Detail vermessen und auswerten. Mit beunruhigenden Folgen.

«Invisible» von Heather Dewey-Hagborg ist eines der Werke, das an der Transmediale zu sehen ist.

Bildlegende: «Invisible» von Heather Dewey-Hagborg ist eines der Werke, das an der Transmediale zu sehen ist. Thomas Dexter/Transmediale

Was Datensammelwut und «Big Data» für Auswirkungen haben, illustrieren die Bilder im Trailer zur diesjährigen Transmediale. Sie zeigen plätschernde Wasserfälle in einer übersaturiert grünen, unrealistischen Umgebung. Für Kurator Kristoffer Gansing ist diese unechte Umgebung ausschlaggebend: «Unsere Welt wird immer mehr durch Algorithmen organisiert und gesteuert. Dadurch entsteht ein neues, ein unnatürliches Verständnis von Realität.»

Bildmontage: Schwebende Menschen vor grauem Hintergrund, darüber der Schriftzug "CAPTURE ALL"

Bildlegende: «Capture All» lautet das Motto der diesjährigen Transmediale. The Laboratory of Manuel Bürger/Transmediale

Sammelwut macht vor dem Alltag nicht Halt

Diese neue Realität mache uns ein Stück weit auch zu Komplizen: «Wir sind zu Mitspielern der Überwachung geworden, sind Arbeiter, Nutzer und Gamer.» Die Menschen hätten Angst vor der totalen Überwachung. Trozdem würden sie ihre Daten haufenweise zur Verfügung stellen, um diese Realität zu generieren, meint Gansing. So lautet auch das Motto der diesjährigen Transmediale «Capture All» – «Sammelt alles».

Dass diese Sammelwut auch vor dem ganz normalen Alltag nicht Halt macht, veranschaulicht die Installation «Networked Optimization» von Sebastian Schmieg und Silvio Lorusso. Die beiden Künstler haben Amazon-Bestseller so nachgedruckt, dass nur noch die Stellen zu lesen sind, die besonders oft angestrichen wurden.

«Internet-Unternehmen wie Amazon beobachten das Leseverhalten ihrer Kunden ganz genau», meint Schmieg. Sie zeichnen auf, welche Passagen der Leser überspringt, welche er mehrmals liest oder anstreicht. Mit den gesammelten Daten sollen dann zukünftige Bücher optimiert werden. Bei Schmieg und Lorusso fallen diese Bücher recht karg aus: In der englischen Ausgabe von Dale Carnegies Bestseller «Wie man Freunde gewinnt. Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden» sind gerade mal 20 Passagen abgedruckt, der Rest der Seiten bleibt weiss.

Fänger und Gefangener

Eine beunruhigende Prognose, die sich auch im Ausstellungsraum widerspiegelt: Hohe Gitter, mit halbtransparentem schwarzen Stoff behängt, gliedern den Raum. Es gehe um ein Gefühl des Gefangen-Seins, meint Kurator Robert Sakrowski und spielt auf das Motto «Capture All» an, das auch als «Nehmt alles gefangen» übersetzt werden kann. «Wobei nie ganz klar wird, ob man beobachtend oder beobachtet, ob man Gefangener oder Fänger ist.»

Einer, der definitiv zu den Fängern gehört, ist «Stakhanov», ein vom Künstler-Kollektiv «Art is Open Source» gebautes Orakel, das in Form eines Druckers unaufhörlich Prophezeiungen ausspuckt. Wie diese zustande kommen, wollen die Künstler nicht verraten – «Stakhanov» durchkämmt soziale Netzwerke nach Daten und verwandelt sie in Wahrsagungen. «Wie bei den Orakel der Antike spricht auch aus ‹Stakhanov› ein höheres Wesen – die Cloud», meint Künstler Salvatore Iaconesi.

Der Netzkritiker im Netz

Nebst diesem spielerischem Zugang kommt an der Transmediale auch die Kritik nicht zu kurz: Zusätzlich zur Ausstellung finden bis zum 1. Februar täglich Diskussionen, Filmvorführungen und Performances statt. Der Netzkritiker Evgeny Morozov spricht über den Einfluss von Algorithmen im Alltag (eine Veranstaltung, die man übrigens über die Website der Transmediale streamen werden kann) und der Whistleblower-Film «Silenced» wird gezeigt, gefolgt von einer Diskussion mit den ehemaligen NSA-Mitarbeitern Thomas Drake und William Binney.

Ob spielerisch oder kritisch: Die Transmediale deckt Themen ab, die so dringlich wie aktuell sind. Und beweist, dass sie in Sachen digitale Kultur ganz im Zeichen des letzten Satzes steht, den die sonore Frauenstimme im Transmediale-Trailer von sich gibt: «Last to leave. And first to arrive.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.1.2015, 17.10 Uhr.

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