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New Bauhaus Als die Kamera mit der Kunst liebäugelte

Bauhaus gleich modernes Design und Architektur? Eine Ausstellung in Berlin zeigt: Auch der Fotografie bereitete die Kunstschule den Weg. Nicht in Weimar, Dessau oder Berlin – sondern in Chicago.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nicht nur in Berlin, Weimar oder Dessau – auch in Chicago gab es eine Bauhaus-Schule.
  • Weniger Design und Architektur, sondern die Fotografie stand im Zentrum des New Bauhaus.
  • Am New Bauhaus wurde der Grundstein für die Fotografie als Kunstform gelegt.

«Good Health and Happiness ahead», schreiben László und Sibyl Moholy-Nagy 1937 auf einer Neujahrskarte, bevor das Künstlerpaar nach Amerika übersiedelt. László Moholy-Nagy folgt der Einladung amerikanischer Industrieller, in Chicago das New Bauhaus zu gründen.

Eine Villa mit kleinem Vorgarten.
Legende: In dieser Villa eines Unternehmers war das New Bauhaus Chicago untergebracht. Getty Images

1937 ist das «alte Bauhaus» in Weimar, Dessau und Berlin bereits Geschichte: 1933 haben die Nazis die Kunstschule geschlossen, an der Moholy-Nagy für mehrere Jahre den Vorkurs leitete.

Die Grundidee des historischen Bauhauses – sein «Form follows Function»-Mantra und die Suche nach ballastfreien Ideen für die moderne Gesellschaft – bringt Moholy-Nagy mit nach Amerika.

Und noch etwas anderes hat er im Gepäck: seine Leidenschaft für «das Schreiben mit Licht», wie er es nennt, für die Fotografie.

Fotografie als Kunst

Bereits am deutschen Bauhaus hat Moholy-Nagy durch seine Experimente mit der Kamera einen regelrechten Foto-Boom unter den Studenten ausgelöst. Am New Bauhaus wird Fotografie nun zu einem eigenständigen Abschlussfach.

Die fotografischen Experimente, die dort entstehen, legen den Grundstein für die Fotografie als Kunstform. Das zeigt eine Ausstellung in Berlin.

«Die US-amerikanische Fotografie stand zu dieser Zeit im Zeichen von Reportage und Sozialdokumentation», sagt die Fotohistorikerin Kristina Lowis, die die Ausstellung kuratiert hat.

Ein Auge, aufgenommen durch ein Vergrösserungsglas.
Legende: Nathan Lerner: Charlie's Eye, 1940. Verfremdung: ein kreatives Mittel am New Bauhaus. Bauhaus-Archiv Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn

«Demgegenüber entstand am New Bauhaus eine Fotografie, die sich ganz spezifisch mit der Gestaltung und der Herstellung von Fotografie beschäftigt. Sie versteht sich also nicht als Dokument, sondern als Werk.»

Ein neues Sehen beginnt

«New Vision», «Neues Sehen», wird zum offiziellen Programm am New Bauhaus in Chicago: Die Kamera soll nicht mehr bloss abbilden, was das Auge sieht, sondern es umgestalten und erweitern.

László Moholy-Nagy und seine Mitstreiter György Kepes und Arthur Siegel ermuntern die Studenten zu experimentieren: mit Licht, Material, Raum und Perspektive.

Fotogramme als Fingerübung

Ein wichtiges Mittel sind die Fotogramme – das Fotografieren ohne Kamera. Gegenstände werden dabei vor lichtempfindlichem Papier arrangiert und dieses direkt beleuchtet. Eigentlich eine pädagogische Fingerübung, eine einfache Technik – mit grossem Effekt.

«Es ist quasi die Stunde Null der Fotografie», sagt Kristina Lowis. «Dabei entsteht eine ganz eigene Ästhetik: oft rätselhaft und auch etwas schwerelos.»

In Berlin sind die verspielten und verzerrten Schwarz-Weiss-Bilder zum ersten Mal gesammelt ausgestellt. Etwa Kepes «Ei und Drähte»: Die banalen Dinge erscheinen auf dem grossflächigen Fotopapier als Fantasieobjekt. Darin kann man einen Körper erkennen, etwas Organisches.

Die Deutung der Bilder bleibt der Betrachterin überlassen. Meist führt die Assoziation weit weg vom ursprünglichen Objekt.

Ein Mann in Badehose springt in der Luft.
Legende: Aaron Siskind, Pleasures and Terrors of Levitation, 1961 Wie ein Zeichen: der Körper schwebt im Nichts. Bauhaus-Archiv Berlin © Aaron Siskind Foundation

Menschen ohne Menschen

Offene Aufträge sollen die Studierenden ermuntern, kreativ zu werden: Eine Übung heisst «Menschen ohne Menschen». Körper und Gesicht sind allgemein – im wahrsten Sinne des Wortes – Gegenstand von Interesse.

Nicht die Person an sich soll in den Blick geraten, sondern der Körper als dreidimensionales Objekt, seine Dellen, Kurven und Kanten.

Eine Frau wird zur schwarzen Linie auf weisser Fläche. Ein Neugeborenes zur weissen Fläche auf schwarzem Untergrund.

Auf der Strasse

Die Bauhaus-Studenten verkriechen sich nicht in der Dunkelkammer – sie fotografieren auch das Leben in Chicago. Menschen, die ein Museum verlassen. Kinder, die in Hinterhöfen Krieg spielen.

Solche Bilder wirken auf den ersten Blick wie Schnappschüsse. Aber: «Es entstand keine ‹Street Photography›, wie wir sie heute kennen», sagt Kristina Lowis. «Es sind immer stark gestaltete Bilder mit einem besonderen Blick für Raum.»

Begeisterung für Bilder

«Es ist eine Fotografie, die sich wirklich am Bildermachen erfreut. Man spürt die Begeisterung am Weiterentwickeln einer Idee», sagt Kristina Lowis.

Diese Begeisterung bleibt, auch als die Geldgeber des New Bauhauses 1938, nach nur einem Jahr, abspringen. Unter dem Namen Institute of Design , Link öffnet in einem neuen Fensterwird die Schule weitergeführt. Heute gehört sie zum Illinois Institute of Technology.

Das Fotoprogramm allerdings wird 2001 eingestellt. Fotografie als Kunstform hat sich inzwischen etabliert. Weit über Chicago hinaus.

Beiträge zum Bauhaus

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 16.1.18, 17.20 Uhr

Zur Person

Kristina Lowis ist freie Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf Fotografie und Kuratorin der Ausstellung «New Bauhaus Chicago».

Ausstellungshinweis

«New Bauhaus Chicago» läuft noch bis 5. März 2018 im Bauhaus-Archiv in Berlin.