Operngesang und Fäkalien: Matthew Barneys «River of Fundament»

Eine Film-Oper, die sechs Stunden dauert: «River of Fundament» vom Videokünstler Matthew Barney. In diesem Werk verschmelzen Bilder und vielgestaltige Musik. Nicht nur der Mensch, auch Autos oder Industrielandschaften sterben und auferstehen. Der Film ist einmalig im Theater Basel gezeigt worden.

In ein riesiges Becken wird Wasser eingelassen. Im Vordergrund steht ein einzelner Mann auf einer Erhöhung.

Bildlegende: «River of Fundament» von Matthew Barney und Jonathan Bepler, 2014. Matthew Barney, Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels/Hugo Glendinning

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Ausschnitt aus «River of Fundament»

0:29 min, vom 20.6.2014

Ein Fluss, Wolken, ein Gewehr, ausgestopfte Tiere an der Wand einer Hütte, Fotos toter Menschen. Der Prolog zu Matthew Barneys Film «River of Fundament» macht klar, worum es hier geht: Um Tod und Auferstehung und um die Verbindungskanäle zwischen den Reichen der Lebenden und der Toten.

In der antiken Mythologie ist das der Fluss Lethe. Bei Barney eine Kloake voller Fäkalien. Damit geht der amerikanische Künstler weg von den cleanen Welten seines bekannten Zyklus «Cremaster», hin zu einer gewöhnungsbedürftigen Direktheit, die auch vor Körperausscheidungen nicht halt macht.

Fäkalien und Gesang

Der Körper hat vielerlei Ein- und Austrittslöcher. Sei es für solche handfeste Ausscheidungen, sei es für die ätherischen Schwingungen des Schalls, die unsere Sprache und den Gesang ausmachen. In Barneys sechsstündiger Meditation über den Tod und die Möglichkeit der Auferstehung spielen solche Durchgänge eine wiederkehrende Rolle.

Ein Kotkegel, der als Dildo benutzt wird, steckt das Spektrum auf der einen Seite ab, ein paar wunderbare Gesangsstimmen auf der anderen. Das Disparate ist Programm in «River of Fundament». Einem Film, der als Film-Oper von der mitproduzierenden Basler Laurenz-Stiftung angepriesen wird. Und der noch viel mehr ist. Performance, Installation, Literatur-Verfilmung und letztlich einfach ein grosses Ritual.

An der eigenen Totenfeier

Der Autor Norman Mailer sei auf ihn zugekommen mit der Bitte um die Verfilmung seines Romans «Ancient Evenings», erzählt Mathew Barney. An einer herkömmlichen Verfilmung sei er aber nicht interessiert gewesen. Am Thema der Wiedergeburt indes schon. Und so sieht man die Figur Mailers dem Fäkal-Kanal entsteigen. Übel riechend, aber zunächst unsichtbar nimmt er an seiner eigenen Totenfeier teil. Wiedergeboren wird im Film aber auch ein Auto. Nicht nur für Amerikaner ein geradezu mythisch aufgeladenes Objekt. Verschrottet zuerst in einer grossen Performance, die Barney gefilmt hat und als Teil seines Films verwendet.

Ein Mann in Schutzkleidung rührt mit einem Stab in einer lava-artigen, glühenden Masse.

Bildlegende: «River of Fundament» von Matthew Barney und Jonathan Bepler, 2014. Matthew Barney, Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels/ Hugo Glendinning

Später wird man Zeuge einer gigantischen Eisengiesser-Prozession, in der zuvor geschmolzene Teile dieses Autos erneut Form annehmen. Womit auch der Bezug zur Industrienation USA klar wird. Einer Nation, die Barney von ihrer hässlichsten Seite zeigt und dabei eine eigene Ästhetik entwickelt. Ja, Klärschlamm, Giftmüll, Chemikalien sind, zumindest optisch, überaus reizvoll. Fast einem alchemistischen Prozess meint man da beizuwohnen. Steckt die Formel zur Wiedergeburt etwa in flüssigem, rotem Schwefel, wenn er über ein Autowrack gegossen wird?

Die Musik im Bild

Es sind solche Bilder, die hängenbleiben. Weniger der Text und weniger auch die Musik des amerikanischen Komponisten Jonathan Bepler. Einflüsse habe er aus den verschiedenen (Kultur)-Landschaften gezogen, in denen «River of Fundament» spielt – Los Angeles, New York, Detroit. Er habe aber auch eine Sphäre von Altertum beschwören wollen, die Mailers Roman mit seinem Bezug zur ägyptischen Mythologie anspricht. Beplers Musik ist indes dort am stärksten, wo sie ihrer eigenen post-minimalen, geräuschhaften Natur freien Lauf lässt.

Eng ist die musikalische Ebene mit der filmischen verwoben. Die Akteure singen, spielen Instrumente. Die integrierten Performances, etwa das seltsame Totengeleit für ein Auto, sind ohnehin Musikaufführungen mit Schlagzeug, Blechblasinstrumenten oder der sandrauen Stimme der Mexikanerin Lila Downs.

Die Widergeburt von Amerikas Schriftstellern

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Ausschnitt aus «River of Fundament»

0:26 min, vom 20.6.2014

Sechs Stunden dauerte «River of Fundament» – am Theater Basel erst- und einmalig in der Schweiz gezeigt. Eine Dauer, die übliche Filmformate um das vielfache überbietet und eher in der Nähe einer Wagner-Oper zu finden ist.

Das Werk ist denn auch weniger ein Film. Aber auch keine Film-Oper, selbst wenn einige der Szenen mit Sologesang, Chor und Begleitinstrumenten in diese Richtung weisen. «River of Fundament» ist in seiner zusammenfliessenden Vielgestaltigkeit vielmehr ein Ritual. Auch und sehr wohl für sein Publikum. Ein Ritual, das eine Wiedergeburt eines kaputten Amerika und seiner grossen Schriftsteller mit den Mitteln der Kunst ermöglicht. Zumindest für die Dauer einiger Stunden.