Popstars kopieren Kunst: Die eine freut's, der andere klagt

Der Anfang des Clips zu «Rockstar 101» von Rihanna gleicht einer Installation des Künstlers James Clar. Der hat sich mit einer millionenschweren Klage beschwert – und blitzte vor Gericht damit ab. Von Madonna bis R.E.M.: Musikvideos verweisen immer wieder auf Kunstwerke – Diebstahl ist das nicht.

    • 1.
      Ähnlich, aber doch verschieden: Rihanna / James Clar
      An einer Decke befestigte Leuchtröhren formen die Worte "You" und "Me". Danaben eine ähnliche Installation mit den Worten "Rock" und "Star"

      Bildlegende: Das Original: «You and Me» von James Clar. Das Musikvideo: «Rockstar 101» von Rihanna. James Clar/The Island Def Jam Music Group

      Klare Sache? Für den Künstler James Clar hat Rihanna bei ihrem Video «Rockstar 101» eindeutig geklaut. Und zwar bei seiner Installation «You and Me». Die Ähnlichkeiten sind tatsächlich nicht von der Hand zu weisen und wohl kaum zufällig. Aber: Die Unterschiede zwischen den beiden Werken überwiegen, entschied das Pariser Strafgericht und lehnte eine Schadensersatzforderung in Höhe von umgerechnet 6 Millionen Franken ab.

    • 2.
      Rechtlich unbedenklich: R.E.M. / Caravaggio
      Auf einem Gemälde fasst ein Mann einem anderen mit einem Finger in eine Wunde am Oberkörper. Daneben auf einem Foto die gleiche Szenerie mit Schauspielern

      Bildlegende: Das Original: «Der Unglaube des Heiligen Thomas» von Carvaggio. Das Musikvideo: «Losing My Religion» von R.E.M. Wikimedia/WMG

      Auf der sicheren Seite ist man als Musiker, wenn man sich bei einem Künstler bedient, der seit 400 Jahren tot ist. So wie R.E.M.: Im Video zu «Losing My Religion» verweisen sie auf mehrere Werke des italienischen Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio. Das Zitat des grusligen Gemäldes «Der Unglaube des Heiligen Thomas» ist eindeutig – dass sie dafür vor Gericht gezerrt werden, mussten R.E.M. aber denoch nicht befürchten.

    • 3.
      Zitiert und geschmeichelt: Drake / James Turrell
      Menschen stehen in einem blau beleuchteten Raum. Daneben tanzt ein Mann in einem ähnlichen Raum.

      Bildlegende: Das Original: «The Light Inside» von James Turrell. Das Musikvideo: «Hotline Bling» von Drake Ed Schipul/Flickr/Cash Money Records Inc.

      Kein Diebstahl: In seinem Hit-Video «Hotline Bling» verweist Drake auf die Werke von James Turrell. Drake ist grosser Fan des amerikanischen Installationskünstlers. «I fuck with Turrell» sagte er einmal in einem Interview. Die Ähnlichkeiten zwischen den bunt beleuchteten Räume sind subtil und sicherlich eher als Hommage zu verstehen denn als Diebstahl. Turrell selbst liess verlauten, dass er sich ob des expliziten Komplimentes geschmeichelt fühle, betonte jedoch, dass er mit dem Video nichts zu tun habe. Überhaupt: Wer guckt bei diesen Tanzschritten schon die Wände an?

    • 4.
      Ungefragt und unverdankt: Madonna / Horst P. Horst
      Rückenansicht einer Frau in einem Korsett, daneben eine Nachstellung der gleichen Szene.

      Bildlegende: Das Original: «Mainbocher Corset» von Horst P. Horst. Das Musikvideo: «Vogue» von Madonna. Condé Nast/Horst Estate/WMG

      Im Clip zum Hit «Vogue» von Madonna gibt es mehrere unbestrittene Referenzen auf Fotos von Horst P. Horst. Die Gegenüberstellung zeigt: Hier wurde die Ähnlichkeit gezielt hergestellt. Der deutsch-amerikanische Fotograf fand am Video wenig gefallen: Er sei verärgert, sagte er. Denn Horst wurde weder angefragt noch verdankt. Aber kann es für einen Modefotografen ein grösseres Kompliment geben, als eine Hommage der Stil-Ikone Madonna?

    • 5.
      Schön und spannend: Beyoncé / Pipilotti Rist
      Ein Frau schlägt mit einer Stange auf ein Autofenster ein. Daneben eine ähnliche Szene.

      Bildlegende: Das Original: «Ever is Over All» von Pipilotti Rist. Das Musikvideo: «Hold Up» von Beyoncé. Pipilotti Rist/Parkwood Entertainment

      Auch Beyoncé bedient sich bei zeitgenössischer Kunst. Im Clip zu «Hold Up» drischt sie mit einem Baseballschläger auf Autofenster ein. Dafür gibt es ein Schweizer Vorbild: Szenerie, Kleidung und Bewegung erinnern an das Video «Ever Is Over All» von Pipilotti Rist. Auf die Ähnlichkeiten angesprochen, sagt Mirjam Varadinis, Kuratorin einer Pipilotti-Rist-Ausstellung in Zürich: «Ich finde es eigentlich ganz schön und auch spannend.» Diebstahl sei das eher nicht, denn andersrum nenne man es auch nicht so: Wenn sich Künstler bei der Popkultur bedienen, sei das «Appropriation» und nicht Diebstahl.