Prometheus – Lichtgestalt und leidender Rebell

Im Rahmen der Festspiele Zürich widmet sich das Kunsthaus dem Prometheus-Mythos: Eine sehr kleine, sehr komprimierte Kabinettschau lässt Füsslis meisterhafte Zeichnungen auf eine faszinierende zeitgenössische Videoarbeit treffen und hinterfragt so Heldenbilder und Männlichkeitsideale.

Federzeichnung: Prometheus an den Felsen gefesselt streckt seine Hand zum Adler hin.

Bildlegende: Johann Heinrich Füssli: Prometheus, 1770-71. Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett

Prometheus war für die alten Griechen eine Lichtgestalt: Der Gott aus dem Geschlecht der Titanen hatte die Menschen aus Ton erschaffen und ihnen neben dem Feuer auch die Freuden des Geistes gebracht. Er lehrte sie das Schreiben, das Navigieren und vieles mehr, was ihnen nützlich war. Dem stets eifersüchtigen Olympier Zeus gefiel das gar nicht. Er liess Prometheus an einen Felsen ketten. Ein Adler kam jeden Tag und frass Prometheus' Leber.

Im vorchristlichen Griechenland stellte man den Titanen Prometheus gern als aufrechten Fackelträger dar. Als man in der Neuzeit die Kunst der Antike wiederentdeckte, interessierte man sich jedoch mehr für den leidenden Titanen, der als Rebell wider Tyrannei und Unterdrückung interpretiert wurde. Und von vielen Kunstschaffenden auch als Identifikationsfigur für kreative, eigensinnige Geister, die mit der Gesellschaft in Konflikt stehen.

Eigenwilliger Zeichner

Auch der Zürcher Johann Heinrich Füssli (1741–1825) interessierte sich für den antiken Helden. Füssli war einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Künstler seiner Zeit. In seinen Zeichnungen und Gemälden beschäftigte er sich ausgiebig mit Akten nach antikem Vorbild.

Zwei Bleistiftskizzen eines nackten, sich windenden Mannes

Bildlegende: Johann Heinrich Füssli: Zwei Männerakte, 1770-1778. Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung

Die Figur des Prometheus interessierte ihn sowohl aufgrund des damit verknüpften Mythos, wie auch aus gestalterischen Gründen. Der gefesselte, sich windende Prometheus erlaubte es, Körper in besonders bizarren und schwierigen Posen darzustellen. Füssli, den alles Glatte, Gefällige und allzu Akademische abstiess, liebte solche künstlerischen Herausforderungen. Die kleine Kabinettausstellung im Kunsthaus Zürich würdigt den so eigenwilligen wie brillanten Zeichner Füssli und zeigt eine Reihe faszinierender Männerakte.

Der Titan als Herrenmensch

Doch begnügt sich die Schau nicht damit, Füsslis zeichnerisches Können zu beleuchten. Sie fragt auch danach, wie die Prometheus-Figur in verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen Gesellschaften gesehen wurde. Als Gegenbeispiel zu Füsslis romantischer Adaption des Prometheus zeigt die Schau, wie die Nationalsozialisten in Deutschland sich Prometheus einverleibt und ihn als Helden gefeiert haben.

Arno Breker schuf 1935 einen Prometheus aus Bronze, der nicht länger gefesselt am Felsen hängt, sondern als kühner, muskulöser Heros auftritt. Der venezolanische Künstler Javier Téllez hat Brekers Titanen in langsamen Kamerafahrten gefilmt.

Usstellungsraum mit zwei Leinwänden nebneinander, auf denen die zwei Statuen von Prometheus und einer Zwitterfigur zu sehen sind.

Bildlegende: Javier Téllez: Rotations (Prometheus and Zwitter), 2011. Thomas Strub

In seiner Arbeit «Rotations» von 2011 präsentiert Téllez diese Aufnahmen gemeinsam mit Filmbildern einer Zwitter-Plastik, die vom Art-brut-Künstler Karl Genzel geschaffen wurde. Diese skurrile Figur entstand zur gleichen Zeit wie Brekers Prometheus und wurde von den Nazis als «entartete Kunst» abklassifiziert.

Die Gegenüberstellung des romantischen Prometheus von Füssli mit der Arbeit von Téllez bietet eine extrem komprimierte Annäherung an Fragen zu Helden und Männlichkeitsvorstellungen in der Kunst, aber auch zur Instrumentalisierung der Kunst durch ideologische Systeme.

Festspiele Zürich

Die Festspiele Zürich stehen dieses Jahr unter dem Motto «Prometheus – Entfesselung der Kräfte» und finden noch bis zum 13. Juli statt. Die Ausstellung «Die Fackeln des Prometheus» mit Werken von Johann Heinrich Füssli und Javier Téllez ist bis 12. Oktober im Kunsthaus Zürich zu sehen.

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