Radikale Fotos als Widerstand gegen die Apartheid

Parkbänke, Telefonzellen, Toiletten – alle deutlich markiert mit einem Schild: «Nur für Weisse». 800 Exponate der Ausstellung «Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens» in Johannesburg erinnern an ein brutales und menschenverachtendes System.

Ein Mann rennt. Er trägt einen Jungen in seinen Armen. Der Junge ist tot. Es ist Hector Pieterson, der am 16. Juni 1976 als einer der Ersten beim Schüleraufstand in Soweto erschossen wurde. Dieses Bild des südafrikanischen Fotografen Sam Nzima ging um die Welt. «Von da an radikalisierte sich die Bildsprache der Fotografen», erklärt Okwui Enwezor. Dem Direktor des Hauses der Kunst in München und derzeit wohl renommiertesten afrikanischen Kurator geht es in der Ausstellung «Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens» in Johannesburg darum, aufzuzeigen, wie Bilder zu Instrumenten des Widerstands wurden.

Werkzeuge des Widerstandskampfes

Es sind Bilder des Grauens: Ein Bagger schiebt schwarze Widerstandskämpfer in ein Massengrab; schmerzverzerrte Gesichter mit aufgerissenen Augen rennen vor massigen Panzern weg, auf denen weisse Militärs sitzen, die in die Menschenmenge schiessen; dutzende Särge reihen sich schier endlos aneinander.

«Särge und Massenbeerdigungen wurden zum Leitmotiv in der südafrikanischen Widerstandsfotografie», sagt Enwezor. Der nigerianische Kurator argumentiert, dass mit dem Beginn der Apartheid 1948 auch die Fotografie in Südafrika ihren Anfang hatte. Zuvor hatten Fotos hauptsächlich ethnographische oder anthropologische Zwecke erfüllt. Als im Mai 1948 die rassistische Nationale Partei an die Macht gelangte, institutionalisierte und reglementierte sie bis in den letzten Winkel des alltäglichen Lebens eine strikte Trennung der Rassen und Hautfarben. Fotografen dokumentierten, reflektierten und kritisierten dies. Sie wurden zu Widerstandskämpfern. Ihre Waffe: die Kamera.

System der Ungerechtigkeit

Es sind jedoch nicht nur die Bilder von Gewalt, Tod und erbitterten Gefechten zwischen der weissen Staatsmacht und der schwarzen Mehrheitsbevölkerung der Fotografen David Goldblatt, Jürgen Schadeberg oder Peter Magubane, die berühren. Es sind vor allem die Bilder von Alltagsszenen, die dem Ausstellungsbesucher Stiche versetzen: eine schwarze Nanny, die liebevoll den Nacken eines kleinen weissen Mädchens streichelt, während sie auf der für Schwarze vorgesehenen Seite der Parkbank sitzt und das Mädchen auf der Hälfte für Weisse mit den Beinen baumelt. Oder eine schick gekleidete weisse Frau mit Blümchen im Knopfloch, die am elektrischen Zaun ihres luxuriösen Anwesens ihren deutschen Schäferhund liebkost.

Das Erbe der Apartheid

«Alle meine Freunde sollten diese Ausstellung besuchen», seufzt Angel Khumalo. Die 24-Jährige ist sichtlich bewegt. Die Bilder entsetzen sie. Das Bild, das sie am meisten berührt, stammt von John Liebenberg: ein Bagger, der schwarze Widerstandskämpfer in ein Massengrab fallen lässt. Khumalo fotografiert das schwarz-weisse Bild. Sie will es auf Facebook posten und dazu schreiben, dass dies der Grund sei, warum junge Leute wählen sollten. «Ich glaube, die meisten haben keine Ahnung mehr, wie viele Opfer der Kampf für unsere Freiheit heute gekostet hat», sagt sie.

Ihre Freundin Queen Jantumba pflichtet ihr bei: «Diese Ausstellung zeigt uns, wo unsere politischen und gesellschaftlichen Wurzeln sind.» Die sollte jeder Südafrikaner kennen und wertschätzen, meint Jantumba und zeigt auf die zeitgenössischen Bilder von Jodi Bieber, Guy Tillim und Jo Ratcliffe: Harsche, Gänsehaut erweckende Bilder von Armut, Kriminalität und Elendsvierteln – Südafrika heute. Die beiden jungen Frauen sind sich einig: «Das Erbe der Apartheid ist 20 Jahre später unser Alltag.»