Roman Signer landet in Berlin

Mäzene aus Zürich haben in Berlin-Neukölln eine alte Brauerei gekauft. Unter der künstlerischen Leitung des Schweizers Andreas Fiedler ist ein neues Kunstzentrum entstanden. Gezeigt wird als erstes: Roman Signer. Eine Schweizer Kunst-Enklave?

Ein gelber Kleinflugzeug hängt von der Decke einer Fabrickhalle

Bildlegende: Signer im Sturzflug: Die Installation «Kitfox Experimental» im Sudhaus des Kunstzentrum Kindl in Berlin-Neukölln. Jens Ziehe

Zwei riesige Ventilatoren sorgen im ehemaligen Kesselhaus des Brauereigebäudes in Berlin-Neukölln für einen gleichmässigen Luftzug. Ein Flugzeug, das mit der Schnauze nach unten von der Decke herabhängt, dreht sich langsam im Kreis.

Blick von unten auf die Nase des Flugzeuges

Bildlegende: KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Sudhaus Jens Ziehe

Bedrohlicher Sturzflug

«Kitfox Experimental» nennt Roman Signer diese Installation. Die Arbeit habe mehrere Rätsel in sich, sagt Andreas Fiedler, der Künstlerische Leiter des Kindl: «Natürlich funktioniert das auch ganz direkt. Man ist vielleicht überwältigt von dem Flugzeug in diesem Raum. Trotzdem schwankt es zwischen einer meditativen Ruhe und einer bedrohlichen Situation.» Schliesslich trudelt das Flugzeug wie im Sturzflug. Wenn man sich darunter stellt, hat man den Eindruck, es würde auf einen zurasen.

Roman Signer ist für Skulpturen bekannt, die das Vergehen von Zeit spürbar werden lassen. Er hat seine Strickmütze mit einer Feuerwerksrakete in die Luft geschossen und Hocker durch Explosionen aus Fenstern geschleudert.

Ein Objekt mit Vorgeschichte

Das Flugzeug in der Berliner Brauerei bewegt sich nur langsam. Trotzdem hat es sich schon verändert, sagt Roman Signer – nicht im Kunstmuseum, sondern bevor es in die Ausstellung kam: «Es ist wichtig, dass dieses Flugzeug wirklich geflogen ist in der Schweiz.» Das Flugzeug stamme aus Beromünster, der frühere Besitzer sei damit in die Berge geflogen, zusammen mit seinem Sohn. «Er ist sehr hoch geflogen über die Berge und da wäre der Vergaser des Motors eingefroren», so Signer. Es gehörte eine gehörige Portion Glück dazu, die Maschine im Gleitflug wieder auf den Boden zu bringen.

Das Flugzeug hat eine Vorgeschichte und soll nach der Ausstellung wieder verkauft werden. Es ist also eine im wahrsten Sinn des Wortes eine temporäre Skulptur.

Mäzene aus Zürich

Finanziert wird das neue Berliner Kunstzentrum durch ein deutsch-schweizerisches Ehepaar, den Banker Burkhard Varnholt und die Architektin Salome Grisard, die das ehemalige Brauereigebäude erworben haben.

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Roman Signer: Mit Schirm, Charme und Explosionen

22 min, aus Reporter vom 2.6.2013

Der Berliner Bezirk Neukölln macht in letzter Zeit durch stark steigende Immobilienpreise von sich reden. Gleich neben der ehemaligen Brauerei werden Luxuswohnungen gebaut. Damit hat Burkhard Varnholt zwar nichts zu tun, aber verärgerte Anwohner bezichtigen ihn trotzdem die Gentrifizierung voranzutreiben.

Kunstzentrum im Ausbau

In der Kunstszene hingegen stösst Varnholts Initiative auf positive Resonanz. Die Räume, die die ehemalige Brauerei zu bieten hat, sind spektakulär. Im Maschinenhaus, das zurzeit noch saniert wird, werden im nächsten Jahr auf drei Etagen 2000 Quadratmeter für Ausstellungen zur Verfügung stehen. Im Kesselhaus, in dem zurzeit das Flugzeug hängt, soll immer nur ein einziges Werk ausgestellt werden.

«Ich glaube einfach, dass das Kesselhaus – gerade weil es in seinen Dimensionen so einzigartig ist – prädestiniert ist für einzelne, grössere Projekte», sagt der Kindl-Direktor Fiedler. In enger Zusammenarbeit mit einem Künstler will er versuchen, der Atemlosigkeit des Kunstbetriebs etwas entgegenzusetzen.»

Teilhabe am Kunstwerk

Zu einer Schweizerischen Kunstenklave möchte Fiedler das neue Kunstzentrum übrigens nicht machen. Es geht, wie er betont, um Zeitgenossenschaft, nicht um Nationalität. «Zeitgenössische Kunst lässt das Publikum teilhaben. Wenn ich Zeitgenosse bin, bin ich nicht nur Konsument von etwas, sondern ich bin Teil davon».

Und das trifft auf das Flugzeug von Roman Signer exemplarisch zu. Wenn man sich unter die rotierenden Flügel begibt, gehört man zur Skulptur – ganz gleich, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 16.9.2014, 17.30 Uhr.