Schimmel-schaurig schön: Verdorbenes vor der Linse

Alle kennen das: Ablaufdatum übersehen, wieder mal zuviel eingekauft. Und dann rottet und schimmelt es im Kühlschrank plötzlich vor sich hin. Was die einen ekelt, setzt der Wiener Fotograf Klaus Pichler künstlerisch um – mit hoch ästhetischen Bildern.

Video «Bildschön verrottetes Essen» abspielen

Bildschön verrottetes Essen

4:15 min, aus Kulturplatz vom 9.1.2013

Vergammelte Melonen, weisspelzige Tomaten, Orangen mit Schimmel in Komplementärfarben: Die erstaunlichen Fotografien des Wieners Klaus Pichler wirken wie eine Mischung aus Vanitas-Stillleben alter Meister und heutiger Hochglanz-Produktfotografie. Lebensmittel, die nicht mehr geniessbar sind, zeigt er im Prozess von Zerfall und Zersetzung. Seine Foto-Serie «One Third» überschreitet ganz bewusst die Haltbarkeitsgrenze, um die gewaltige Dimension der globalen Lebensmittelverschwendung zu veranschaulichen.

Video «MM Kultur» abspielen

Klaus Pichler: «Ziel ist der Überraschungseffekt»

0:53 min, vom 9.1.2013

Ein Drittel aller Lebensmittel fliegt in die Tonne

Die Idee zur Serie kam Pichler spontan, als er von einer UNO-Studie las, die 2011 das Ausmass der Verschwendung deutlich machte: Weltweit geht im Durchschnitt ein Drittel der gesamten Lebensmittelproduktion verloren. 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel werden weggeworfen, während es im globalen Süden immer wieder zu schweren Hungerkrisen kommt.

In den weniger entwickelten Ländern sind Mängel bei Ernte, Lagerung und Kühlung für die Verluste verantwortlich. In den reichen Ländern Europas und Nordamerikas trägt die Einkaufspolitik der Grossverteiler ihren Anteil bei. Vor allem aber ist es das individuelle Konsumentenverhalten, das den Löwenanteil des Müllbergs ausmacht: Ein Berg an Lebensmitteln, die eigentlich geniessbar sind. Vielleicht ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen, vielleicht hat man einfach keine Lust, sie zu essen, vielleicht hat man sie im Kühlschrank vergammeln lassen. Denn der wird immer mehr zum Vorzimmer des Mülleimers.

Verrottung als Teil eines künstlerischen Prozesses

Für seine Serie war es Klaus Pichler wichtig, den Zusammenhang zum Privathaushalt sichtbar zu machen. Oft zeigen die Medien Berge weggeworfener Nahrungsmittel, in denen man sich als Konsument schwer wiederfinde. Daher hat Pichler seine Fotoserie mit haushaltsüblichen Mengen inszeniert. Der Ansatz dabei ist provokant: der 35jährige Fotograf sucht Gemüse, Obst und Milchprodukte sorgfältig aus, um sie dann verderben zu lassen. Seine Ausgangspostion beschreibt er als ganz naiv:

« Ich schau mir das Beispiel einer Orange an. In Spanien wird sie auf einer Plantage gehegt und gepflegt, dann geerntet und weit transportiert, bevor sie dann bei uns weggeworfen wird. Das ist für mich ein sehr deprimierender Vorgang. »

Die eingekauften Produkte lässt er so weit verschimmeln, bis man sie gerade noch in ihrem ursprünglichen Aussehen erkennt. Bei den Erdbeeren aus Ägypten dauert das vielleicht zwei Wochen, während die Kartoffeln gut neun Monate brauchen, bis sie fotogen in Pichlers Sinne sind.

Der Verrottungsprozess der Lebensmittel findet dabei bewusst in seinen eigenen vier Wänden statt. Für den Künstler ist es Ehrensache, sich dem Ekel zu stellen, seiner Arbeit eine gewisse Brisanz zu geben. Unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen geht er dabei bewusst an seine Grenzen und stellt sich allen auftretenden Ekelgefühlen.

Essen hat politische Dimensionen

Ein Teller voll mit verschimmelten Keksen.

Bildlegende: Klaus Pichler versieht seine Bilder mit Informationen zur Produktionsweise. Klaus Pichler

Die vergammelten Objekte präsentiert er in edlem Porzellan, mit goldenem Besteck oder im vornehmen Ambiente heutiger Luxusgastronomie. Eine Anspielung darauf, dass das «Drumherum» der Esskultur – die Inszenierung des Genusses – mittlerweile wichtiger ist als das Nahrungsmittel selbst. Den alltäglichen Akt des Essens möchte Pichler als politisch begreifen: «Jede Entscheidung für ein bestimmtes Nahrungsmittel und die Art, dieses zuzubereiten, ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung.»

Seine irritierenden Fotos kombiniert Klaus Pichler daher mit Daten der dargestellten Objekte, die neben geografischen auch ökologische Werte beinhalten und dadurch Auskunft über die Produktionsweise geben.

Pichler gelingt es mit seiner Serie hoch ästhetisierter Ekelbilder, das Essen als schauriges Politikum zu zelebrieren. Seine vergammelten Früchte könnte man auch als Metapher unserer moralischen Verkommenheit lesen.