Shopping Malls: Vom Einkaufszentrum zum Freizeittempel

Geschäfte und Restaurants, Kinos und Schwimmbäder – alles unter einem Dach: Shopping Malls spielen weltweit eine immer grössere Rolle. Das Architekturmuseum München zeichnet ihre Geschichte nach: in einer Ausstellung, die selbst aussieht wie Einkaufszentrum.

  • Die erste Shopping Mall baute ein Wiener Architekt 1956 in den USA.
  • Die Architektur spielte bei Shopping Malls lange Zeit eine untergeordnete Rolle.
  • Die Shopping Mall von heute muss auch als Freizeit- und Begegnungsstätte funktionieren.

Gewaltakte als Kehrseite des Erfolgs

Durch den Amokläufer von München geriet das Münchner Olympia Einkaufszentrum aktuell in die Schlagzeilen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Shopping Center zum Schauplatz für Gewalttaten wird.

«Überall dort, wo Menschen zusammenkommen, ereignen sich solche brutalen Attacken, auch um uns in unserer Lebensweise zu verunsichern», sagt Simone Bader, die die Ausstellung im Architekturmuseum München kuratiert hat.

Gewaltakte wie jener in München sind gewissermassen die Kehrseite des Erfolges: Das Shopping Center ist heute ein Ort der Begegnung, ein Ort mit sozialer Bedeutung und grosser Ausstrahlung.

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Bildlegende: Die Mutter aller Shopping Malls: Victor Gruen Southdale Center aus den 1950er-Jahren. Gruen and Associates

Kleinstadt-Strukturen

Dabei rümpfen Kritiker gern die Nase über Shopping Malls. Sie sind eine harte Konkurrenz für den lokalen Einzelhandel sind und gelten als Förderer der «Ich shoppe, also bin ich»-Mentalität.

Doch hatte der geistige Vater des Einkaufszentrums durchaus anderes im Sinn: Der Wiener Architekt Victor Gruen war in den 1940er Jahren in die USA emigriert. Er vermisste in den Vorstädten seiner neuen Heimat die europäischen Stadtkerne, in denen man bequem zu Fuss vom Coiffeur zum Bäcker, vom Postamt zum Theater gehen konnte. Als Gruen 1956 das Southdale Center in Minnesota erbaute, dachte er an diese gemütlichen Strukturen.

Gruens Shopping Center kam gut an bei den Kunden. Und bei Geschäftsleuten, die Gruens Idee kopierten. Die kulturellen Einrichtungen wie Kinos und Hörsäle waren für sie freilich nur Beiwerk. Sie dachten ans Kaufen und Verkaufen.

In den ersten Jahrzehnten wurden die Einkaufszentren vor allem auf der berühmten grünen Wiese gebaut. Was zählte, war der Innenbereich, der phantasievoll bis protzig mit Brunnen und Fontänen, Palmen, Blumenbeeten und viel BlingBling dekoriert wurde. Die Aussengestaltung spielte keine Rolle. Man fuhr mit dem Auto hinein und mit dem Auto wieder davon.

Eine ganze Altstadt als Shopping Center

Bereits in den 1970er-Jahren begannen in den USA Diskussionen um die Shopping Center, die zu einer Entleerung der Innenstädte führten. Eine Gegenbewegung entstand. Erste Malls wurden in grossen Städten gebaut.

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Bildlegende: Kleinstadt in der Stadt: Horton Plaza, Jon Jerde 1982-1985, San Diego, USA. The Jerde Partnership

Damit wurden auch Fragen der Architektur wichtig. Die 1985 von Jon Jerde geplante Westfield Horton Plaza in San Diego, Kalifornien setzt auf ein ausgeklügeltes Spiel mit Perspektiven und ist deutlich mehr als eine schlichte Hülle für gut beleuchtete Geschäfte.

In anderen Städten werden Shopping Malls hinter historisierenden Fassaden versteckt. In Braunschweig wurde das im Zweiten Weltkrieg zerbombte Schloss rekonstruiert und im Innern mit Shops gefüllt. In Bad Münstereifel wurde ein ganzes Ensemble von Altstadt-Häusern in den «City Outlet Bad Münstereifel» verwandelt.

Skifahren und Surfen

Die Ausstellung kommt selbst wie ein Einkaufszentrum daher und präsentiert verschiedene Gestaltungsmuster von Shopping Malls in grossen Schaufenstern. Neben der architektonischen Entwicklung steht der Bedeutungswandel des Shopping Centers im Fokus.

Die Malls werden seit einigen Jahren immer mehr zu Freizeit- und Begegnungsstätten. In Dubai gibt es eine Mall, die mit einer Skipiste lockt. In Berlin ist ein Center geplant, in dem es ein Spezialbecken mit einer Surfwelle geben soll. Und am Flughafen in Zürich entsteht «The Circle», das wie eine kleine, in sich geschlossene Stadt funktionieren soll mit Wohnanlagen und Kulturangeboten.

Komplett abzäunen?

Zu den Schattenseiten dieser Entwicklung vom Einkaufszentrum zum Begegnungsort gehört, dass Gewalttäter wie der Amokläufer von München solche Orte als Bühne nutzen. «Auf die Architektur haben solche Taten bisher weniger Auswirkungen», sagt Kuratorin Simone Bader vom Architekturmuseum.

Dies gelte zumindest für Shopping Center im europäischen Raum. In Ländern wie Israel gebe es längst Center mit kontrolliertem Zugang. Ob dies auch für europäische Shopping Center wünschenswert sei, bezweifelt Simonde Bader.

«Es ist fraglich, ob wir diese Orte der Begegnung, des Vergnügens, der Kommunikation komplett abzäunen möchten und müssen. Schliesslich berauben wir uns damit auch eines Stückes unserer Freiheit.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 5.8.2016, 16.50 Uhr