Um Schulden zu tilgen, will Venedig Kunst verscherbeln

Venedigs rechtspopulistischer Bürgermeister Luigi Brugnaro will Kunstwerke aus dem Besitz der städtischen Museen verkaufen, um die verschuldeten Kassen aufzufüllen. Diese Entscheidung ruft in Italien viel Protest, aber auch Zustimmung hervor.

Eingang zu einem Museum in Venedig, neben der Tür weist ein Schild auf das Gemälde von Klimt hin.

Bildlegende: Venedigs Bürgermeister will Bilder verkaufen – auch ein Werk von Gustav Klimt soll der Stadt Geld einbringen. Flickr/Kevin Harber

Brugnaro zufolge geht es nicht an, dass Italiens Kommunen einerseits viel Kunst besitzen, aber andererseits immer weniger Geld für soziale Dienstleistungen wie Kindergärten, Krankenhäuser oder Schulen zur Verfügung haben.

Er kritisiert, sicherlich zu Recht, die vielen Spargesetze der Regierung in Rom. Sie sind dafür verantwortlich, dass Italiens Kommunen immer weniger Steuern einnehmen, aber immer mehr finanzielle Verantwortung übernehmen müssen, die früher der Staat mittrug.

Hochformatiges, farbiges Gemälde. EIne Frau mit entblösstem Oberkörper, umrahmt von breiten, goldfarbenen Streifen.

Bildlegende: «Judith II.» von Gustav Klimt ist eines der Werke, das verkauft werden soll. Keystone

Identität im Ausverkauf

Die einzig logische Reaktion sei es, so Venedigs Bürgermeister, einige berühmte und Geld bringende Kunstwerke aus städtischem Besitz verkaufen. Aber auch Kunstgegenstände, die wegen fehlendem Ausstellungsplatz in Magazinen gelagert werden.

Venedig will unter anderem die beiden Gemälde «Judith II.» von Gustav Klimt und eine Rabbinerdarstellung von Claude Chagall verkaufen.

Zustimmung hinter vorgehaltener Hand

Die Stadt Venedig könnte mit ihrer geplanten Verkaufsaktion zum Vorreiter für einen Trend werden. Die Finanzkrise macht zahlreichen Kommunen schwer zu schaffen. Soziale Dienstleistungen werden vor allem in Mittel- und Süditalien gekürzt oder sogar gestrichen.

Der Verkauf einiger bedeutender Kunstwerke, vor allem in Kommunen, die viele davon besitzen, könnte so manchem Bürgermeister aus der Klemme helfen. Das wird allerdings nicht öffentlich gesagt, sondern nur hinter vorgehaltener Hand zugegeben.

Zu stark verschuldet

Solange die Gesetzeslage nicht geklärt ist, wagt niemand auf den Wegen des venezianischen Bürgermeisters zu wandeln. Die Gesetzeslage klärt derzeit Italiens Kulturminister Dario Franceschini.

Klar ist im Moment nur, dass wichtige Kunstwerke, wichtig zum Verständnis der italienischen Kulturgeschichte, nicht ausserhalb des Landes verkauft werden dürfen und der Staat ein Vorkaufsrecht besitzt. Ob er das jemals voll in Anspruch nehmen kann, ist angesichts einer Staatsverschuldung von 125% des Bruttosozialprodukts eher zu bezweifeln.

Museen sind zu teuer

Tatsache ist, dass in Italien auf allen verwaltungstechnischen Ebenen – Kommunen, Provinzen und Regionen – Geld fehlt. Sogenannte Rationalisierungsversuche im öffentlichen Dienstleistungssektor führen vor allem zu sozialen Engpässen, die die Bürger im Gesundheits- und Bildungsbereich besonders stark zu spüren bekommen.

Verschiedenen Umfragen zufolge wächst das Unverständnis der Bürger für Millionenbeträge, die in museale Strukturen und in den kostspieligen Erhalt ebendieser fliessen, während die Kosten für das Gesundheits- und Bildungswesen rapide steigen.

Gefordert wird mehr privates Sponsoring im Kulturbereich. Doch solange so ein Sponsoring nicht, wie in den USA, von der Steuer absetzbar wird, bleibt eine solche Forderung nur ein schöner Traum – und die öffentliche Hand muss die Kosten für Erhalt, Restaurierung und Pflege der vielen Kunst weiterhin allein tragen.