«Wärmste Grüsse aus Auschwitz»

Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs schickten Menschen Postkarten aus dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau an Freunde und Familie. Schockierend sind die banalen, oft geschmacklosen Grussformeln – aber auch die Erkenntnis, dass die Gedankenlosigkeit bis heute anhält.

Ein Foto in warmen Farben. Es zeigt zwei unüberwindbare Linien von Stacheldrahtzäunen. Dahinter eine weitere Mauer und ein Wachturm. Das Bild ist auf einer Postkarte vom ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau. Auf der Rückseite steht: «Liebe Grüsse und Küsse aus Auschwitz». Mit dem Zusatz, dass das Wetter auf ihrer Seite sei.

Banale Grüsse vom Ort des Schreckens

Diese Postkarte ist nur eine von vielen, die der polnische Künstler und Kurator Pawel Szypulski aus Warschau zusammengetragen hat. Für sein Studium der Kulturanthropologie hat er intensiv zum Holocaust geforscht und stiess dabei im Internet auf Verkaufsangebote von Postkarten aus Auschwitz.

Anfangs war er überrascht und schockiert, dass Menschen derart gedankenlos ihre Grüsse hinter die Bilder setzen konnten, die an die grausamen Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. Dann aber sah er darin eine tiefere Bedeutung: «Damit lässt sich die grössere Geschichte des Erinnerns an den Holocaust erzählen. Wenn die Menschen das Ausmass der Tragik wirklich begriffen hätten, dann wären sie nie in der Lage gewesen, ‹herzliche Grüsse aus Auschwitz› zu verschicken.»

Das ehemalige KZ als Reiseziel

Acht Jahre hat Szypulski gezielt gesucht, heute zählt seine Sammlung etwa 90 Postkarten, die Menschen aus Auschwitz in die Heimat schickten. Die frühste datiert von 1947 – gerade mal zwei Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers. Für uns heute schockierend, in jener Zeit offenbar nichts Ungewöhnliches.

Eine Karte ist besonders geschmacklos: Eine Frau schickt «warme Grüsse aus Auschwitz mit einer Sommerbrise von deiner Schwester Czéska». Das Bild zeigt Block 11, den sogenannten Todesblock.

Das Konzentrationslager Auschwitz Birkenau bauten die Nazis am Rand der Stadt Oświęcim, im Süden von Polen. Seit 1947 ist dort eine Gedenkstätte, die heute mehr als 4000 Menschen täglich besuchen. Offenbar war es schon kurz nach Kriegsende für die Menschen vorstellbar, diesen Ort als Urlaubsziel zu wählen und von dort Grüsse in die Heimat zu verschicken als sei es ein x-beliebiger Ort.

Gedankenlosigkeit hat Tradition

Aber Auschwitz-Birkenau ist kein gewöhnlicher Ort, es war ein Massenvernichtungslager der Nazis. Hier starben mindestens 1,1 Millionen Menschen eines schrecklichen Todes, die meisten in den Gaskammern, fast eine Million waren Juden.

Und doch trifft man auch heute auf Gedankenlosigkeit bei Menschen, die sich mit diesem dunklen Kapitel der Menschheit auseinandersetzen: ein Selfie beim Lagereingang unter dem zynischen Torbogen mit der Aufschrift «Arbeit macht frei». Solche Bilder landen regelmässig im Netz.

Auch Szypulski sieht darin eine Parallele zu den Postkartengrüssen der Vergangenheit. «Das Selfie ist das Pendant zu den Postkarten. Ich habe mich aber auf die Postkarten konzentriert, weil sie zeigen, dass eben nicht nur die Kids von heute dazu fähig sind, das war bereits zwei Jahre nach dem Krieg so».

Buchhinweis

Pawel Szypulski: «Greetings from Auschwitz», Edition Patrick Frey/Foundation for Visual Arts Krakow, 2015.

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