Handel mit Raubkunst Wie die «Panama Papers» krumme Kunstgeschäfte entlarvten

Vor einem Jahr veröffentlichten Journalisten die «Panama Papers» und entlarvten Briefkastenfirmen im grossen Stil. Sie zeigten: Auch Kunsthändler machen Offshore-Geschäfte. Doch trotz aufgedeckter Tricksereien: Eine durchschlagende Änderung blieb bisher aus.

Zwei Männer tragen ein Bild durch die Zürcher Altstadt.

Bildlegende: Die «Panama Papers» waren ein riesiger Scoop – und auch der hiesige Kunsthandel davon betroffen. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei der «Panama Papers»-Recherche zeigte sich: Briefkastenfirmen spielen auch im Kunstmarkt eine Rolle.
  • Dies ermöglichte Kunsthändler zum Beispiel, sich im Fall von Raubkunst den rechtlichen Folgen zu entziehen – wie der Fall eines Modigliani-Bildes zeigt.
  • Trickerseien sind im Kunstgeschäft keine Einzelfälle, aber das Fazit ein Jahr nach den «Panama Papers» zeigt: Eine durchschlagende Reaktion blieb bisher aus.
Sitzender Mann mit Srock, 1918, Amadeo Modigliani

Bildlegende: Wer diesen Modigliani besitzt, wurde dank den «Panama Papers» nachgewiesen. Wikimedia/Sotheby's

Das Bild eines jüdischen Kunstsammlers

«Sitzender Mann mit einem Stock»: So heisst das Gemälde, das im Zentrum eines Kunstkrimis steht. Ursprünglich gehört das Bild des italienischen Malers Amedeo Modigliani einem jüdischen Kunstsammler in Paris.

Als er 1939 aus der Stadt flieht, beschlagnahmen die Nazis das Gemälde. Danach verliert sich die Spur des Bildes.

Panama Papers geben Aufschluss

Als es 1996 bei einer Auktion wieder auftaucht, ersteigert eine Firma das Meisterwerk: das «International Art Center». Schnell wird vermutet: Hinter der ominösen Offshore-Firma steckt die libanesisch-monegassische Kunsthändlerfamilie Nahmad.

Doch dass es wirklich die Nahmads sind, die das Gemälde besitzen – das können die Erben des jüdischen Sammlers lange Zeit nicht beweisen. Bis im Zuge der «Panama Papers» (siehe Textbox) entsprechende Dokumente publik werden.

Der Justiz entzogen

An der Veröffentlichung mitgearbeitet hat der Journalist Jan Strozyk vom «Norddeutschen Rundfunk». Durch diese Papiere habe man den Weg des Bildes über die Offshore-Gesellschaft zur Familie Nahmad lückenlos nachverfolgen können: «Wenn Sie mich als Nicht-Juristen fragen: Der Beweis ist damit erbracht.»

Der Beweis nämlich, dass die Familie Nahmad sich hinter einer Offshore-Firma versteckte, um so sich und das auf 25 Millionen Dollar geschätzte Modigliani-Gemälde jeglicher juristischer Handhabe zu entziehen.

Ein Dutzend Fälle

Jan Strozyk geht nach seinen Recherchen davon aus, dass solche Tricksereien im Kunstmarkt kein Einzelfall sind. Er vermutet, dass es gerade unter Kunsthändlern, die mit hochwertigen Objekten handeln, verbreitet ist, Offshore-Gesellschaften zu Hilfe zu nehmen.

Der Journalist ist bei seinen Recherchen auf gut ein Dutzend Fälle gestossen. Die Faktenlage sei jedoch zu unklar gewesen, um diese Fälle zu publizieren. Umso klarer aber sind für ihn die Vorteile, die verschachtelte Offshore-Konstruktionen für Kunsthändler bieten:

«Ein Kunsthändler hat ein persönliches Problem, wenn ein Bild in seinem Besitz sich als gefälscht oder als Raubkunst herausstellt. Wenn es aber einer Firma auf den Kaiman- oder den Jungferninseln gehört, dann kann diese zwar pleite gehen oder rechtlich behaftet werden, aber nicht der Händler selber.»

Eine untergeordnete Rolle

Briefkastenfirmen machen es Kunsthändlern also ziemlich einfach, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken. Trotzdem, sagt Strozyk, sollte man die Rolle von Steuerparadiesen für den Kunstmarkt nicht überschätzen: «Ich glaube nicht, dass es ein systematisches Problem ist, dass Bilder hinter Offshore-Strukturen versteckt werden.»

Das Problem ist also nicht flächendeckend – aber es existiert, wie der Fall des Modigliani-Gemäldes zeigt. Zumindest hier hat die Veröffentlichung der «Panama Papers» konkret etwas bewirken können: Die Erben des Gemäldes hätten dank der Enthüllungen gute Chancen, den Rechtsstreit für sich zu entscheiden, glaubt Strozyk.

Noch keine durchschlagende Reaktion

Was die grundsätzlichen Strukturen in Sachen Steueroasen angeht, fällt seine Bilanz dagegen deutlich negativer aus. Zwar werde in über 70 Ländern gegen Personen und Firmen aus den Papieren ermittelt oder strafrechtlich vorgegangen. Ausserdem arbeiteten viele Staaten an schärferen Gesetzen, um Steueroasen zu bekämpfen.

Aber, sagt Strozyk: «Wenn man sich die globale Offshore-Finanzindustrie anschaut, hat es eine richtig durchschlagende Reaktion, die solche Geschäfte auch länderübergreifend erschweren würde, im Grunde nicht gegeben.»

Und so werden Briefkastenfirmen munter weiter benutzt, um Geld aber auch Kunst hinter undurchsichtigen Strukturen zu verstecken.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 03.04.2017, 6.50 Uhr

Die Panama Papers

Die Panama Papers

Am 3. April 2016 veröffentlicht die «SZ» die «Panama Papers»: 11,5 Mio. Dokumente aus anonymer Quelle enthüllen Briefkastenfirmen – und wer damit Offshore-Geschäfte getätigt hat. In Folge kommt es zu Untersuchungen, Prominente aus Politik und Kultur geraten in Bedrängnis. Zwei «SZ»-Journalisten haben über den Leak ein Buch geschrieben.

Zur Person

Jan Strozyk arbeitet als Investigativjournalist für den «NDR» – u.a. zu Steuerparadiesen.

Die Folgen

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