Zwei Vampire, Rücken an Rücken: Silvia Gertsch und Xerxes Ach

Das Künstlerpaar Silvia Gertsch und Xerxes Ach eint die Faszination für Farbe und Licht. Der Unterschied ihrer Stile ist trotzdem gewaltig: Die Ausstellung «Sinnesreize» im Kunstmuseum Bern zeigt das unterschiedliche Paar in einer Doppelretrospektive.

Silvia Gertsch malt Badende, die von gleissendem Licht umflossen sind und Abendspaziergänger im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Fasziniert vom Licht und seinen Stimmungen erschafft sie fotorealistische Bilder, die so nah am echten Leben sind, dass man glaubt, die planschenden Kinder lachen zu hören.

Xerxes Ach sucht in der Farbe selbst nach Licht und Ausdruck. Seine auf den ersten Blick monochrom wirkenden Bilder entstehen in zahlreichen Schichten und offenbaren bei näherer Betrachtung Strukturen, die den Bildraum lebendig machen. Von diesen Abstraktionen geht ein Leuchten aus, das aus der Farbe selbst zu kommen scheint.

Ein Atelier – zwei Stile

In ihren Arbeitsweisen könnten Silvia Gertsch und Xerxes Ach kaum unterschiedlicher sein. Und doch teilen sie seit 25 Jahren Leben und Arbeitsraum. Als sie sich 1992 kennenlernten, bestand der gemeinsame Arbeitsraum lediglich aus einem 30 m² kleinen Atelier, in dem beide malten. Xerxes Ach damals mit Polyurethanlack auf Packpapier und Aluminium. Silvia Gertsch mit Acrylfarbe hinter Glas.

Die Hinterglasmalerei ist ein aufwendiges Verfahren, das gute Planung erfordert. Die Verwendung von schnell trocknender Acrylfarbe stellte die Künstlerin vor eine zusätzliche Herausforderung: Jedes Bild musste in einem Zug durchgearbeitet werden. Für Silvia Gertsch bedeutete das Stress pur: «Wenn ich abends ins Atelier ging, war ich so angespannt, als würde ich eine Bühne betreten». Xerxes Ach gab ihr den klugen Rat, auf langsam trocknende Ölfarben umzusteigen.

«Wir waren Vampire»

Die Nacht war ihre Zeit in den 1990er-Jahren. «Wir waren Vampire», sagt Silvia Gertsch heute. Sie arbeiteten im Atelier, Rücken an Rücken, sie streiften durch Zürich. Oder sie fuhren nachts auf die Autobahn um das gespenstische Lichterspiel der Scheinwerfer im Nebel zu filmen. Aufnahmen, die Silvia Gertsch als Vorlage für ihre Bilder-Serie «Movie» dienten.

Auch Xerxes Ach bedient sich fotografischer Vorlagen, wiewohl das in seinem Werk nicht so direkt sichtbar ist wie bei Silvia Gertsch. Er sammelt Bilder aus Zeitschriften und Bildbänden. Dabei sind es vor allem Farben und durch sie erzeugte Stimmungen, die ihn ansprechen. Ihn interessiert, wie Farben sich durch Lichteinwirkung, durch Materialien und Oberflächenstrukturen verändern.

In seinen frühen Arbeiten verwendete er glänzenden Lack, der den Raum und die Betrachter spiegelt und mit ins Bild holt. Er arbeitete auf Papier und Alublechen, die er zuvor zerknitterte, wodurch bewegte Reliefstrukturen entstanden. Schliesslich stieg er auf matte Eitemperafarben um, die er in Schichten auf schwarze Grundierungen aufträgt. Und die er auf diese Weise geheimnisvoll zum Leuchten bringt.

Dialog der Farbstimmungen

Bild mit zerknitterter Oberfläche in weiss und gelb.

Bildlegende: Lust an der Oberflächenstruktur: Ein frühes Werk von Ach (Xerxes Ach, Transformed, 1998). Foto: Reinhard Zimmermann/ Courtesy the artist and Galerie Monica de Cardenas

So unterschiedlich in ihren Arbeitsweisen, so nahe kommen sich die beiden in den Stimmungen ihrer Bilder. Die Ausstellung, von Kathleen Bühler kuratiert, vollzieht die Entwicklung der beiden Kunstschaffenden nach und versucht den Dialog zwischen den beiden künstlerischen Positionen darzustellen. Mit klugen Gegenüberstellungen gelingt es der Kuratorin, das Verbindende in den Werken der Fotorealistin und des Abstrakten sichtbar zu machen.

So hängen an einer Wand Bilder, die Silvia Gertsch von sonnenumflirrten Schwimmbadbesuchern gemalt hat. Sie hängen kunterbunt durcheinander wie Postkarten und Schnappschüsse an einer Kühlschranktür. Vis-à-vis in strenger Reihe eine Serie von Lackbildern von Xerxes Ach in Hautrosa und frischem Türkis.

Die Kunstschaffenden selber staunen über die enge Verwandtschaft ihrer Arbeiten. «Es wirkt so, als sei es abgesprochen», sagt Silvia Gertsch, «aber wir sprechen nicht viel, wenn wir arbeiten.» Und Xerxes Ach unterstreicht: «Wir haben nie etwas abgesprochen. Und am Ende hat es immer funktioniert. Das ist ein Phänomen.» Wie die beiden arbeiten, das zeigt ein sensibler Dokumentarfilm von Roger Haas und Garrick J. Lauterbach, der in der Ausstellung zu sehen ist.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 23.10.2015, 12.10 Uhr.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Sinnesreize» ist bis 21. Februar im Kunstmuseum Bern zu sehen.

Das Künstlerpaar

Silvia Gertsch (geboren 1963 in Bern) ist seit 1988 als Hinterglas-Malerin tätig. Sie ist die Tochter des Schweizer Künstlers Franz Gertsch. Xerxes Ach (geboren 1957 in Esslingen am Neckar) ist ausgebildeter Grafikdesigner und als Maler Autodidakt. Gertsch und Ach stellen seit 1998 gemeinsam aus.