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Soldat Schwejk_Kultur Online
Aus Kultur-Aktualität vom 15.03.2021.
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100 Jahre «Soldat Schwejk» Der brave Soldat trotzt immer noch der Obrigkeit

Der Soldat Schwejk ist ein sympathischer Verlierer: Untauglich fürs Militär, muss er im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst antreten. Schwejk schummelt sich durch und zeigt Autoritäten gerne mal den Stinkefinger.

Vor 100 Jahren ist der Roman «Der brave Soldat Schwejk» des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Hašek erschienen. Besonders in seiner Heimat ist Schwejk bis heute eine populäre Figur, sagt der Journalist Kilian Kirchgessner, der in Prag lebt.

Kilian Kirchgessner

Kilian Kirchgessner

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Kilian Kirchgessner ist Journalist und berichtet aus Tschechien und der Slowakei. Er wohnt in Prag und schreibt regelmässig für deutsche Medien wie den Deutschlandfunk oder den Tagesspiegel.

SRF: Was macht den braven Soldaten Schwejk aus?

Kilian Kirchgessner: Schwejk muss in den Krieg, ist aber eigentlich völlig untauglich dafür. Er hört bei allen Befehlen aufs Wort und sabotiert so mit Unschuldsmiene alles, was er an Befehlen bekommt.

Er wird strafversetzt, von einem Regiment zum anderen verschickt und fährt so durch das ganze damalige Kaiserreich Österreich-Ungarn.

Legende: Zahlreiche Verfilmungen machten die Figur des Soldaten Schwejk weit über Tschechien hinaus populär. IMAGO images / United Archives

Was macht die Geschichte, die im ersten Weltkrieg spielt, heute noch aktuell?

Hinter der Geschichte steckt natürlich viel mehr. Es ist ein Lächerlichmachen des Militärs, des Krieges, der Autoritäten und der Befehlshörigkeit. Das ganze macht Schwejk mit einem Augenzwinkern, wodurch man ihn sofort ins Herz schliesst.

Das, was ihn heute noch aktuell macht: Er bietet so etwas wie Lebenshilfe. Die Lehre ist: Es hilft, wenn man nicht alles allzu ernst nimmt und sich nicht verbiegen lässt.

Dieses ‹Lass die da oben mal entscheiden. Wir machen sowieso das, was wir für richtig halten› trifft man in Tschechien bis heute an

In Tschechien trifft man überall auf Schwejk – sei es in Kneipen oder in Souvenirshops. Ist das mehr als nur für Touristen?

Ja. Schwejk ist über Tschechien hinaus eine der bekanntesten literarischen Figuren überhaupt. Aber er ist eben auch in Tschechien sehr bekannt. Er spiegelt den tschechischen Humor wieder – dieses manchmal etwas Subversive.

Legende: Ob bei einem Gasthaus in Prag oder als Bild an der Wand in einer Beiz: Schwejk gehört in Tschechien einfach dazu. IMAGO Images / CHROMORANGE

Das macht ihn bis heute aktuell. Es spielt in Schwejk viel vom tschechischen Charakter rein: Dieses «Lass die da oben mal entscheiden - wir machen sowieso das, was wir für richtig halten». Das ist eine Einstellung, die man in Tschechien tatsächlich bis heute so antrifft.

Kann diese schelmische Hinterlist im Umgang mit der Corona-Pandemie zum Verhängnis werden?

Das ist tatsächlich so. Ich glaube, dahinter steckt auch ein Grund, weshalb Tschechien mit die schlimmsten Ansteckungzahlen in Europa hat.

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Lesung: «Abenteuer des braven Soldaten Schwejk»
31:48 min, aus Lesung vom 03.04.2012.
abspielen. Laufzeit 31:48 Minuten.

Ich war neulich spazieren mit einer Freundin und sie sagte: «Komm, ich hol uns da vorne was zu trinken - bei der Kneipe, wo aus dem Fenster verkauft werden darf». Und obwohl in Tschechien kein Alkohol verkauft werden darf, kam meine Freundin mit zwei Becher Glühwein zurück.

Ich sagte: «Wie kann das sein? Es ist doch verboten, Alkohol auszuschenken.» Ihre Antwort war: «Na ja, ich hab mich mit der Verkäuferin geeinigt, dass das Kaffeebecher sind. Also ist da Kaffee drin.»

Das Virus lässt sich nicht so leicht ‹schwejkisch› austricksen.

Kann diese Haltung des braven Soldaten also auch Probleme verursachen?

Das ist genau diese Art, wie man dem Wortlaut nach zwar irgendwie im Gesetz bleibt, aber trotzdem genau das Gegenteil von dem macht, was eigentlich intendiert war. Es wird deutlich, dass das in der Pandemie nicht funktioniert hat.

Im Zweiten Weltkrieg hat es funktioniert – diese Art, nicht alles ernst zu nehmen und die Behörden zu umgehen – es hat während des Kommunismus hervorragend geholfen und war da eine grosse Lebenshilfe. Aber jetzt in der Pandemie ist eben nicht mehr die Politik der Gegner, sondern das Virus. Und das lässt sich nicht so leicht «schwejkisch» austricksen.

Das Gespräch führte Vanda Dürring.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 15.3.2021, 7:06 Uhr. ;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Für mich war/ist der Schwejk, zum Anfang der Staatsgründung der damaligen Tschechoslowakei, eine typische Gestalt vergleichbar mit dem Wilhelm Tell für die Eidgenossenschaft. Ein Staat entstanden aus den vormaligen Provinzen Böhmen, Mähren und Oberungarn des K. und K. Vielvölkereichs Österreich-Ungarn. Mit einer grossen Beteiligung deutscher bzw. österreichischen Kultur, welche nach den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. In Prag wurde immerhin die erste deutschsprachige Universität gegründet.
    1. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      Also Tell mit Švejk zu vergleichen ist schon an den Haaren herbeigezogen. Passt nicht zusammen. Sonst ist der Artikel sehr gut verfasst. Der Švejk spiegelt somit eine präsente Mentalität in Tschechien, Mähren und Schlesien. „Obwohl man die Welt ernst nimmt, bespricht und behandelt, vergisst man dabei nicht, immer ein bisschen zu grinsen“. Die Welt ist nicht immer so ernst, wie wir sie (uns) versuchen zu verkaufen/präsentieren. Švejk stellt tatsächlich die tschechische Seele in Person dar.
  • Kommentar von Dani Aeppli  (Dani Aeppli)
    Genau... Und wenn die Polizei den Skilift abstellt, kommt das Pistenfahrzeug und schleppt die Skifahrer den Berg hoch... :) Ich mag den tschechischen Charakter.