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Literatur 1000 Seiten Joyce in einem Satz

Ein Tag im Leben des Annoncen-Akquisiteurs Leopold Bloom: James Joyce macht daraus den Jahrhundertroman «Ulysses». Der Schweizer Schriftsteller Reto Hänny hat lange nichts veröffentlicht. Nun ist er mit einer James-Joyce-Paraphrase zurück und tritt damit aus «Blooms Schatten».

Alte Aufnahme einer grossen Strasse in Dublin.
Legende: Die Strassen Dublins um 1900: Hier spielt sich Hännys Geschichte ab. Flickr/Trialsanderrors

Den «Ulysses» in einem einzigen Satz schreiben, noch einmal schreiben, das ist die Idee. Waghalsig wirkt das und ein bisschen tollkühn, wie alles, was sich an die wirklich grossen Bücher des vergangenen Jahrhunderts anlehnt.

Reto Hänny weiss das und hat das Unternehmen doch gewagt. Der eine lange Satz, der ein Tag ist, ein nicht mal besonders ereignisreicher Tag im Leben des Leopold Bloom, ist Hänny gelungen. Das ist bewundernswert, schon allein sprachlich-technisch und auf Augenhöhe mit dem grossen Vorbild. Die Ereignisse des Tages, die Orte, die Gedanken und Abschweifungen, alles parallel eingefangen, geordnet und mit Hilfe von Doppelpunkt und Semikolon in so etwas wie Kapitel gefasst.

Unterwegs in Dublin

Mann mit Halbglatze, längerem Haar und Brille
Legende: Reto Hänny: «Ein Text muss für mich klingen.» Keystone

Und so ist Bloom wieder unterwegs, an jenem Junitag, der nicht vergeht. Der Tag, der bei Joyce der 16. Juni 1904 ist: Bloom in den Strassen und Kneipen Dublins, im Postamt und im türkischen Bad, auf dem Friedhof, in der Bibliothek und im Bordell, zuhause beim Frühstück und zuhause im Bett. In dem Bett, in dem Blooms Ehefrau Molly ihren berühmten Monolog phantasiert.

Wozu das? Warum 1000 Seiten Joyce auf 140 Seiten noch einmal erzählen? Ist das bloss Sprachexperiment? Arbeit am Text als Hochseilakt, als Zirkusnummer? «Du kannst den Satzbau verbessern, nicht die Menschheit», hat Hänny einmal beiläufig notiert. Das ist länger her. Aber es gilt immer noch. «Zürich, Anfang September», sein Erfahrungsbericht über die Zürcher Jugendrevolte 1980, ist bis heute sein bekanntestes Buch. Hännys kleiner, aufsehenerregender Beitrag gegen die Repression damals und zur Verbesserung des Lebens. Aber die Verbesserung bleibt schwierig. So oder so.

«Ich arbeite laut an meinen Sätzen», sagt Hänny. «Ein Text muss für mich klingen.» Sein Antrieb seit Jugendzeiten, wie er im Nachwort schreibt. Ein Antrieb, der ihn an den «Ulysses» bindet und auch hilft, seine Legasthenie zu überwinden. «Blooms Schatten» also, ist ein frühes Projekt.

Joyce und «Blick am Abend»

Literatur entsteht aus Literatur, das ist Reto Hännys Vorsatz. Als Leitgedanke kann das gefährlich werden, wo die Manierismen drohen und das Leben in schöner Sprachspielerei verdampft. «Blooms Schatten» ist das manchmal anzumerken. Man spürt die Suche nach dem «gesuchten» Wort, nach dem extravaganten, dem entlegenen Ausdruck. Erstaunlich bleibt aber die Polyphonie des Textes, in dem neben Joyce und Proust auch der «Blick am Abend» stecke, wie Hänny sagt.

Zu bewundern bleibt der hörbare Sog der Sätze, der ausgreifende, freie Bewusstseinsstrom in den Gedanken der Hauptfiguren. Die Gegenwart des Geschehens, in einem Wort. Alles ist da, alles in dem einen Satz, der doch eigentlich eine Frage ist – und der Antwort ganz am Schluss, die Molly Bloom zitiert: «… ja ich will JA.»

So schliesst sich der Kreis, wenn Reto Hänny seine Adaption des Ulysses mal aus der Perspektive Leopold Blooms und mal aus der Sicht Mollys beschreibt. Auch ihr Monolog ist ein einziger langer Satz.

Buchhinweis

Reto Hänny: «Blooms Schatten.» Matthes & Seitz, 2014.

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