Abbas Khiders «Ohrfeige»: Eine Odyssee durch die Asyl-Bürokratie

Es sei das «Buch der Stunde», schreibt das deutsche Feuilleton über den neuen Roman von Abbas Khider. Doch sein neuer Roman «Ohrfeige» trägt nicht nur thematisch, er überzeugt auch literarisch.

Abbas Khider

Bildlegende: Der Schriftsteller Abbas Khider floh einst selbst vor Saddam Hussein nach Europa. Peter-Andreas Hassiepen

In «Ohrfeige» gibt der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider einem Asylsuchenden eine Stimme und lässt ihn erzählen: von der Flucht aus Bagdad, von Schleppern und Behördenwillkür, vom Leben in Flüchtlingsheimen.

Khider erzählt vom Wartesaal Deutschland und davon, was das alles mit einem macht. Doch Karim, die Hauptfigur, darf nicht in Deutschland bleiben. Er soll wieder abgeschoben werden.

Das Buch spielt kurz vor und nach 9/11. Was heute die Syrer sind, waren im Jahr 2001 die Iraker, die vor dem Terrorregime von Saddam Hussein nach Europa flohen. Nicht nur Khider selbst verschlug es einst nach einer langen Odyssee durch die Länder des Mittelmeerraums nach Deutschland, auch sein Held Karim landet zufällig in der bayerischen Provinz.

Odyssee durch das System

Statt ihn bis nach Paris zu bringen, wo sein Onkel auf ihn wartet, setzen die Schlepper ihn einfach in Dachau ab. Hier beginnt Karims Odyssee durch die Behördenwillkür der deutschen Asyl-Bürokratie. Die Heimat verloren zu haben und fremd zu sein, das bedeutet Abhängigkeit, erst von Schleppern, dann von den Behörden.

Dazu kommen Perspektivlosigkeit, Ohnmacht, Lügen und Notlügen, Einsamkeit, Angst und Scham: eine Endlosspirale der Hoffnungslosigkeit und Langeweile. Warten und warten lassen, selbst gestalten oder alles von der Behörde gestalten lassen. Das sind die Mechanismen des Systems.

Zwischen Wutrede und Poesie

Der Roman besticht aber nicht nur wegen seiner thematischen Relevanz. Khider setzt Karims Schicksal raffiniert und humorvoll literarisch um, ohne in Larmoyanz oder Selbstmitleid zu versinken.

Er bildet die Endlosspirale des Wartens sprachlich ab und variiert diese zugleich auf drei Ebenen: Wenn Karim seine Betreuerin in der Behörde in seiner Wutrede anklagt, spricht er assoziativ und sprunghaft, wie im Rausch. Wenn er sich an seine Jugend im Irak und seine erste Liebe erinnert, schlägt er märchenhaft-poetische Töne an, wie man sie aus der arabischen Literatur kennt. Wenn er seinen endlos öden und stumpfsinnigen Alltag in Deutschland beschreibt, ist die Wortwahl rauh, derb und drastisch.

Einer, der die deutsche Sprache liebt

Abbas Khider liebt Wortspiele. Motive wie Müll oder die Ohrfeige, die sich durch den Roman ziehen, sind eindringlich, die Sprache ist knapp. Diese Knappheit ist einer der Gründe, weshalb Khider die deutsche Sprache liebt und seine Bücher auf Deutsch schreibt.

Deutsch ist inzwischen seine zweite Muttersprache. Es ist ein Glück für alle Leserinnen und Leser, dass Abbas Khider nicht zur Mehrheit all jener Flüchtlinge zählt, die in Deutschland keine Heimat finden. Er hat es geschafft, sich in die deutsche zeitgenössische Literatur einzuschreiben.

Buchhinweis

Abbas Khider: «Ohrfeige». Hanser Verlag, 2016.

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