Alice Munro: Meisterin der Short Story erhält Literaturnobelpreis

Der 117. Literaturnobelpreis geht an Alice Munro. Die 82-jährige Kanadierin ist die 13. Frau, die die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt erhält. Der Preis ist mit über einer Million Franken dotiert und wird am 10. Dezember überreicht.

Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro vor weisser Wand.

Bildlegende: Die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro auf einer undatierten Aufnahme. DEREK SHAPMAN/Keystone

Die Schriftstellerin Alice Munro aus Kanada erhält den Literaturnobelpreis 2013. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt. Damit geht der Preis zum ersten Mal nach Kanada – und erst zum 13. Mal an eine Frau.

Der Entscheid wurde zuerst im Netz verkündet: Als vor Ort in Stockholm der Jury-Chef vor die Gäste trat (siehe Box), hatte der offizielle Twitter-Account der Akademie sie schon zur Preisträgerin gekürt: «Die Kanadierin Alice Munro, 82 Jahre alt, bekommt den #NobelPrize 2013 für #Literature», hiess es. Sie hätten Alice Munro noch nicht erreichen können und eine Nachricht hinterlassen, twitterte Nobelprize_org kurz darauf. Munro habe dann erst über ihre Tochter vom Nobelpreis erfahren, meldete der kanadische Sender CBC. «Mama, du hast gewonnen», habe die Tochter am Telefon gesagt.

Hochverdient!

Die bereits vielfach geehrte Autorin Alice Munro wurde in den vergangenen Jahren immer wieder als Nobelpreiskandidatin gehandelt. Bei den Wettbüros lag sie zuletzt auf Platz Fünf. Im vergangenen Juni hatte sie ihren Rückzug vom Schreiben angedeutet.

«Der Literaturnobelpreis an Alice Munro ist hochverdient und gleichzeitig keine grosse Überraschung, sie steht seit langem auf der Liste der Anwärter», sagt Rainer Schaper, Literatur-Redaktor bei SRF Kultur. «Nach 20 Jahren geht der Preis mit der Kanadierin Munro wieder nach Nordamerika. Überzeugend ist auch die Form, die damit ausgezeichnet wird: Die Short Story als grosses literarisches Genre», so Schaper.

Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte

Die 82-jährige Alice Munro wurde vor allem mit ihren Kurzgeschichten bekannt. «Sie ist die Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte», sagte Peter Englund als Sprecher der Jury. «Sie hat diese spezielle Form zur Perfektion gebracht.» 13 Bände mit Kurzgeschichten hat Munro bisher veröffentlicht, und einen einzigen Roman mit dem Namen «Kleine Aussichten».

«Die Literatur betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt», sagte Munro in einem ihrer wenigen Interviews. Aber Kurzgeschichten seien ein mühsames Geschäft, klagte die Schriftstellerin, deren Werke in Kanada und Grossbritannien längst Bestseller sind.

Ihren ersten Erzählband («Tanz der seligen Geister») veröffentlichte sie 1968 mit fast 40 Jahren – sie hätte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben und für grosse Würfe gehabt. «Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen», so die Schriftstellerin.

Schon vor Jahren habe ihr Verleger gesagt, sie sei Favoritin für den Literaturnobelpreis, erzählte Munro einmal. «Und ich wusste, wenn ich gewinne, wäre ich für eine halbe Stunde wahnsinnig glücklich, und danach würde ich denken: Was für eine Qual.» Denn Glück ist kein Preis, ist die überzeugte Calvinistin sicher – «Glück ist harte Arbeit».

Vergabe streng nach Tradition

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Literatur-Nobelpreis für Alice Munro

1:24 min, aus Tagesschau vom 10.10.2013

Der Literaturnobelpreis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung der Welt. Die Schwedische Akademie vergibt den Preis seit 1901 fast jährlich, er ist mit 8 Millionen Schwedischen Kronen – rund 1,1 Millionen Schweizer Franken – dotiert. Stifter ist der schwedische Industrielle und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (1833–1896) – der Preis wird jeweils an seinem Todestag, am 10. Dezember, in Stockholm überreicht. Das ausgezeichnete Werk soll von hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen.

Die Auswahl der Kandidaten verläuft streng nach traditionellen Regeln: Zuerst lädt das fünfköpfige Nobel-Komitee Hunderte Personen oder Organisationen dazu ein, geeignete Autoren vorzuschlagen. Auch frühere Preisträger können Empfehlungen abgeben. Das Nobel-Komitee wird jeweils für drei Jahre gewählt, seine Sitzungen sind streng geheim.

Mehr als die Hälfte der Stimmen sind nötig

Peter Englund, Sekretär der Akademie, verkündet in Stockholm den Literaturnobelpreis an Alice Munro.

Bildlegende: Peter Englund, Sekretär der Akademie, verkündet in Stockholm den Literaturnobelpreis an Alice Munro. Keystone

Das Komitee erstellt Namenslisten, die anschliessend in der Akademie auf fünf Kandidaten reduziert werden. Die 18 Akademiemitglieder – alle auf Lebenszeit gewählt – beschäftigen sich dann mit dem Werk der Nominierten und erstellen Berichte. Anfang Oktober wird der Preisträger bestimmt, es gewinnt, wer mehr als die Hälfte der Stimmen bekommt.

Im vergangenen Jahr hatte der Chinese Mo Yan («Das rote Kornfeld») die Auszeichnung für Literatur erhalten. Die letzten deutschsprachige Gewinner waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999). Die einzigen bisherigen Schweizer Preisträger waren Carl Spitteler 1919 und Hermann Hesse 1946; letzterer hatte seit 1923 das Berner Bürgerrecht.

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