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«Das Genie» Als Wunderkind gefeiert, als Sonderling verspottet

Mit acht erfand er seine eigene Sprache, mit elf studierte er in Harvard: Die unglaubliche Geschichte des Genies William James Sidis war lange vergessen. Der deutsche Schriftsteller Klaus Cäsar Zehrer hat sie wiederentdeckt.

Schwarzweissbild: Ein junger Mann vor einer Hausfassade.
Legende: Sidis wünschte sich schon als Teenager ein zurückgezogenes Leben (Symbolbild). Getty Images

Entdeckt hat er ihn durch Zufall. Beim sinnlosen Rumsurfen im Internet stösst Klaus Cäsar Zehrer auf eine Liste der zehn angeblich intelligentesten Menschen. Zuoberst ein gewisser William James Sidis. Zehrer beginnt zu recherchieren. Nun, nach neun Jahren Arbeit erscheint der Roman «Das Genie».

Ein brillanter Vater

Das Buch beginnt mit Williams Vater Boris, der 1886 aus dem zaristischen Russland nach New York kommt. Später arbeitet er als Psychologe und Psychopathologe am neugegründeten pathologischen Institut der New York State Hospitals.

Als Pionier der Psychologie gehört er zu den bedeutendsten Wissenschaftlern der noch jungen USA. Sein Mentor ist der grosse Gelehrte William James.

Zum Genie erzogen

Für seinen Sohn, den er selbstredend ebenfalls William James nennt und der schon jung in den Genuss des Weltwissens kommen soll, entwickelt er die sogenannte «Sidis-Methode».

Gezielte Gehirnförderung vom ersten Tag an, Einsatz von Lernspielzeug und Hypnose, permanentes Anwenden aller möglicher Sprachen – all das soll dazu beitragen, dass fortan jedes Kind zum Genie erzogen werden kann.

Als Elfjähriger studiert er in Harvard

Die Resultate, die die Methode bei William James erzielt, sind beeindruckend. Mit 18 Monaten kann er lesen, mit sechs Jahren schreibt er sein viertes wissenschaftliches Buch, mit acht Jahren erfindet und beschreibt er eine eigene, weltumspannende Kunstsprache und mit elf doziert er in Harvard vor ausgewähltem Publikum über die vierte Dimension in der Mathematik.

Schwarzweisses Porträtfoto eines jungen Mannes.
Legende: William James Sidis 1914 bei seinem Abschluss «cum laude» an der Harvard University. Damals war er 16. Wikimedia/The Sidis Archives , Link öffnet in einem neuen Fenster

William James Sidis ist ein Genie, noch bevor er die Schuhe binden kann. Und das ist das Problem. Die Erziehungsmethode des Vaters ist zu einseitig.

Was nützt es, sämtliche Sprachen der Welt zu können, wenn man nicht lernt, auf Menschen zuzugehen und Freundschaften zu schliessen?

Der Sohn verkümmert und entwickelt sich zum Sonderling. Tagelang sitzt er in Strassenbahnen und fährt damit durch Boston und New York.

Doch William James Sidis wäre nicht William James Sidis, wenn er nicht auch das Strassenbahnwesen gleich wieder zur Wissenschaft erheben würde. Einmal Genie, immer Genie.

Selbstfindung einer Nation

All das ist wahr. Klaus Cäsar Zehrer hat jahrelang recherchiert und erzählt jetzt die Geschichte des Genies Punkt für Punkt nach. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte der Selbstfindung der USA, die alles daransetzt, zur führenden Wissenschaftsnation zu werden.

Ein William James Sidis kommt ihr dabei wie gerufen. Zu gern hätte sie endlich einen eigenen Leonardo da Vinci, um es dem alten Europa endlich mal zu zeigen.

Die USA lassen Sidis fallen

Doch William James Sidis macht nicht mit. Zu labil ist er als Mensch, zu kritisch als Bürger. Von Anfang an Pazifist und beseelt vom Gedanken der sozialen Gerechtigkeit, weigert er sich, im Dienste einer Nation zu arbeiten, die ihre Jugend nach Europa in zwei Kriege schickt.

Lieber sitzt er im Keller eines mathematischen Institutes und zählt für 23 Dollar pro Woche irgendwelche Zahlen zusammen. Das verzeiht ihm die amerikanische Öffentlichkeit nicht.

Nachdem sie ihn als Wunderkind gefeiert und in höchste Höhen emporgetragen hat, verspottet sie jetzt als Sonderling und Exzentriker. Zum Schluss wird er vergessen – und bleibt es für Jahrzehnte. Sidis starb 1944 mit 46 Jahren an einer Gehirnblutung.

Eine wahre Geschichte erzählen, als wäre sie erfunden

Es ist Klaus Cäsar Zehrers Verdienst, diese grosse Geschichte ausgegraben zu haben. Und es ist seine Leistung, die Geschichte so zu erzählen, als sei sie erfunden. Der Roman ist ein Roman und kein Geschichtsbuch.

Klaus Cäsar Zehrer hat das Potential seiner Geschichte erkannt und neun Jahre daran gearbeitet. Jetzt zeigt das Resultat das Potential dieses Autors.

Sendung: Radio SRF 1, Buchzeichen, 27.8.2017, 14.06 Uhr.

Buchhinweis

Klaus Cäsar Zehrer: «Das Genie». Diogenes, 2017.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Bör Schi (Bör Schi)
    Wer kennt nicht die Geschichte vom Fährmann, die zeigt, dass Hirn nicht genügt, sondern auch Hand nötig ist? Passagier ist ein Hochgelehrter, der die schlechte Grammatik des Fährmannes verspottet und ihn belehrt, dass er damit sein halbes Leben vertan hat. Fährmann: da kommt ein Gewittersturm auf, können Sie schwimmen? Gelehrter: nein. Fährmann: dann haben sie ihr ganzes Leben vertan!
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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring (Denia)
    Was der Vater mit diesem armen Kind sich geleistet hat, ist unverzeihlich. Ein Kind hat das Recht dazu, ganzheitlich erzogen zu werden. Im Sinne von Pestalozzi: Kopf, Herz und Hand.(und auch genügend Zeit für die körperliche Entwicklung) Die Sozialisation ist genau so wichtig wie die Entwicklung des Geistes. Mangelt es etwa an Genies in unserer Welt? Was wollen wir alles noch entdecken und produzieren? Meiner Ansicht nach fehlt es vor allem an humanistischem Gedankengut.
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    1. Antwort von Marc Bühler (Winston Smith)
      Nun der knabe hatte was soziales anbelangt wohl doch einiges auf dem Kasten! Sonst hätte er sich nicht für soziale Gerechtigkeit eingesetzt! Dass dies in Amerika nicht gut ankahm und er warscheinlich deshalb defarmiert wurde, ist für die USA nicht untypisch! ein Typ der seine Dinste für Krieg verweigert ist kein Sonderling sondernd n ein Held!
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