Arnold Kübler und sein Schweizer Don Quichote

1934 erschien das Romandebüt «Der verhinderte Schauspieler» des Schweizer Unikums und Allroundkünstlers Arnold Kübler. Ein messerscharfes und hochkomisches Sittenbild aus der Zwischenkriegszeit um einen starrsinnig-kauzigen Antihelden.

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Selbstdarstellung von Arnold Kübler aus dem Jahr 1982

1:37 min, vom 4.11.2013

«Raben Drahtzaun» heisst der kauzige Protagonist dieser tragikomischen Geschichte, ein wahrhaft sprechender Name. Ein Quadratschädel ist er, ein sturer Bock von Haus aus. Der kehlig-knarzende Zungenschlag des helvetischen Bauernsohns klingt naturgemäss wie das Krächzen von schwarzem Federvieh. Zumindest hört er sich selbst so, und so ächzt er schwer unter der Last seiner phonetischen Herkunft. Erst recht, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, als Schauspieler im deutschen Nachbarland ein Publikum von der Bühne herab zu beglücken.

In der gehassten Heimat war seine wichtigste Rolle am städtischen Zürcher Theater der Esel – im Märchen vom gestiefelten Kater. Dort konnte er herrlich «I-Ah» krächzen. Aber dann, geflohen ins Land der Dichter und Denker, erkauft er sich mit seinen harten Schweizer Franken ein Engagement als «erster Männerspieler» auf der Provinzbühne von Örlewitz. Hier nimmt das Fiasko seinen Lauf.

Den Herzog Alba in Goethes «Egmont» darf er geben im neu zusammengewürfelten Ensemble. Wochenlang übt er in seiner winzigen Mietskammer, bemuttert von zwei krummrückigen kriegsgebeutelten Schwestern, vorm Spiegel Posen, malträtiert seinen knarzigen Sprechapparat beim Versuch, echte hochdeutsche Laute herauszuquetschen. Doch bei der Premiere kommt der heisere Mime kaum über ein Krächzen hinaus – zum Spott seiner Zuschauer und der örtlichen Fachpresse und zum Ärger der Theaterleitung.

Heilige Dichterworte

Arnold Kübler war eine Institution des kulturellen Lebens.

Bildlegende: Arnold Kübler war eine Institution des kulturellen Lebens. SRF

Doch dieser erste Misserfolg hält Drahtzaun von nichts ab, auch nicht der Entzug des Titels «erster Männerspieler». Jetzt erst recht, denkt er sich bockig. Er weiss ja selbst um seine helvetisch verunreinigte Zunge. «Weiter üben» lautet die Devise.

Der Traum von der Beherrschung der reinen deutschen Sprache, vom erhabenen Singen heiliger Dichterworte wächst sich in Rabens Quadratschädel zu einer unheilvollen Obsession aus. Nichts weniger, als dass «das Weltall erschauert», setzt er sich als Ziel künftigen Sprechens und Seins. Dieser heiligen Mission verpflichtet stolpert der «arme Siäch» – unermüdlich wie sein spanischer Geistesbruder Don Quichotte – quer durchs kriselnde Europa der wirren Zwischenkriegsjahre des letzten Jahrhunderts: von Örlewitz nach Dresden, von Dresden nach Berlin, von Berlin nach Paris, nach Rom, nach Sizilien, zurück nach Berlin und zwischendurch immer wieder als Fremder in die Heimat, ins «verhasste Land Helvetien».

Zwischenzeitliche Freundschaften, wie die mit einem pfiffigen Schauspielerkollegen, dem Juden Lukar, schmeisst der Sturkopf einfach weg. Alle menschlichen Gewohnheiten und Regungen, normales Leben in der Gesellschaft, eine fast geglückte Liebe mit der wunderbaren Kathrin in Paris, stehen ihm im Weg. Alles muss er – jedes Mal nach anfänglicher Euphorie – kaputt machen, wegschieben, hinter sich lassen.
Auf seinem «Weg ans Licht» steht sich der verhinderte Schauspieler am bitteren Ende selbst in eben jenem.

Er kennt seine Pappenheimer genau

Der sture Drahtzaun will einfach nicht in diese Welt hineinpassen. Er will immer dann woanders hin, wenn es da, wo er gerade ist, gut sein könnte für ihn. Getreu dem Motto «überall, wo ich nicht bin, kann es nur besser sein als hier» treibt es den Entwurzelten fort.
Aber so, wie Arnold Kübler seinen Helden zeichnet, kann einem der Spinner bei aller Borniertheit nur kopfschüttelnd leidtun. Der genaue Blick des Kübler'schen Erzählers und seine warmer, menschenfreundlicher Ton sind der Grund, warum man keiner der Figuren ernsthaft böse sein kann. Nicht einmal dem etwas grobschlächtigen Ex-Wirt, der zum brutalen Totschläger wird. Mit zu grosser Empathie wird zuvor sein Werdegang, werden die Umstände seines bisherigen Lebens von Innen her beschrieben.

Der Erzähler kennt seine Pappenheimer genau und mag sie alle, weil sie Menschen sind. Er schaut nicht kalt von oben herab auf das Gewimmel Welt. Er horcht in seine Figuren hinein, schmiegt sich ihrem Innenleben an, schaut auf die je ihrige Wirklichkeit mit deren eigenen Augen und erzählt uns, was sie sehen und wollen, wie sie empfinden – immer aus dem Augenblick heraus und immer im Bewusstsein ihrer je eigenen Geschichte.

Dass die subjektiven Perspektiven der vereinzelten Menschlein auf das Ganze selten zueinander passen, dass ihr jeweiliges Wollen meist etwas anderes will als das Wollen (müssen) der Anderen, macht das Tragische von Küblers Erzählkosmos aus. So muss der Leser kopfschüttelnd mitleiden, wenn die beiden Liebenden, Kathrin und Raben, sich in der Stadt der Liebe in einer schier endlosen Schleife aufeinander zu- und wieder voneinander wegbewegen. Wie sie, wo sie doch wie kaum ein Paar füreinander geschaffen scheinen, immer nur für kurze Augenblicke dasselbe wollen. Bevor einer wieder, von absurden Zweifeln übermannt, den andern von sich wegstossen zu müssen glaubt – das ist wahrlich tragisch.

Groteske Situationskomik

Der Kübler'sche Erzähler erweist sich in den psychologisch präzise beobachteten Beschreibungen der jeweiligen Innenperspektiven in solchen Momenten als grosser Menschenkenner und -freund. Und durch den Kontrast, durch das Gegeneinander-Montieren der unterschiedlichen Figurenblicke und durch knappe ironische Kommentare entsteht seine besondere warmherzige Komik. Eine Komik, die sich nie auf Kosten einer Figur lustig macht. Die nicht bloss stellt, sondern von einer grundsätzlichen Basis, von der Tragik des Menschseins überhaupt, ausgeht und diese dadurch ein Stück weit im Lachen überwinden hilft.

Küblers tiefer Blick in menschliche Abgründe, sein Sinn für groteske Situationskomik und sein ironischer Witz als Gegengift zur absurden Grundkonstitution des Menschen machen die literarische Qualität des «Verhinderten Schauspieler» aus. Sie heben das Werk auf eine Ebene mit dem Erzähler Kafka, dem Dramatiker des Absurden Beckett oder den Filmkomödianten Charlie Chaplin und Buster Keaton, allesamt Zeitgenossen Küblers.

Video «Porträt von Arnold Kübler («Sonntagsmagazin», 10.3.1991)» abspielen

Porträt von Arnold Kübler («Sonntagsmagazin», 10.3.1991)

7:34 min, vom 4.11.2013

So wie die feine Figurenzeichnung, die selbst in die kleinsten Gestalten hinein im Schweben zwischen psychologischem Realismus und realsatirischer Überspitzung wirkt, beeindruckt Küblers beschreibende Darstellung der historischen Wirklichkeit, sein Sittenbild, das er vom Deutschland der Weimarer Republik von unten her entwirft. Abstrakte Begriffe wie «Nachkriegszeit», «Geldentwertung» oder «Wirtschaftskrise» werden vom Kopf auf die Füsse gestellt und anschaulich an deren Wirken auf das tägliche Wünschen und Tun der auftretenden Figuren vorgeführt. Küblers zeichnerisches Talent, das er in seinen letzten Lebensjahren produktiv umgesetzt hat, trifft sich hier bereits literarisch mit seiner pointiert feinen Beobachtungsgabe für das Innen und Aussen im menschlichen Zusammenleben.

Selbstironische Karikatur der eigenen Person

Es hilft ihm dabei sehr, dass er bei aller künstlerischen Gestaltung als Material eigenes Erlebtes und Gesehenes zur Formung heranzieht. Die zentralen biographischen Eckdaten der Hauptfigur stimmen mit denen des Autors überein. Die Stimmung und Lage der Nation in der elterlichen Heimat wie im benachbarten Deutschland und auch die Atmosphäre Roms und Paris hatte Kübler damals schon zur Entstehungszeit des Romans, Anfang der 30er-Jahre, am eigenen Leib erfahren gehabt.

Drahtzauns irrwitzig missionarischen Eifer vom Erlernen reinen Hochdeutschs und die Gründe für sein kolossales Scheitern dabei, kannte der junge Arnold Kübler ebenfalls von Innen her. Man darf diesen Kauz getrost als selbstironische Karikatur der eigenen Person des Autors lesen.

Ganz im Gegensatz zur Romanfigur ist es diesem allerdings gelungen, seinen lieben Frieden mit der helvetischen Heimat zu schliessen und die angeborene sprachliche Abweichung vom reinen, aber seelenlosen, Hochdeutsch ins Positive umzudrehen und ästhetisch produktiv zu nutzen.

Lesung

Radio SRF 2 Kultur sendet Küblers Roman «Der verhinderte Schauspieler» als Lesung in acht Folgen. Redaktion und Regie: Mark Ginzler, gelesen von Ueli Jäggi. Jeweils Dienstag, 5. November bis 31. Dezember, um 15 Uhr.

Buchhinweis

Arnold Kübler «Der verhinderte Schauspieler». Kollektion Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, 2006. Textidentisch mit der Erstausgabe von 1934 (Weltbuchhandel Leipzig)

Arnold Kübler (1890–1983)

Geboren als Bauerssohn in Wiesendangen, nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland Schauspieler, später Theaterautor. In der Schweiz leitete er die «Zürcher Illustrierte» (1929–1941) und wurde zum Mentor eines modernen Fotojournalismus. 1941 erfand und leitete er die Zeitschrift «Du». Ab den 60ern war Kübler Zeichner, Schriftsteller und Kabarettist.

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