Atticus Lishs verstörender Roman über einen Kriegsheimkehrer

Atticus Lish erzählt in seinem Roman «Vorbereitung auf das nächste Leben» von Brad Skinner. Der Veteran kommt traumatisiert aus dem Irakkrieg in seine Heimat USA zurück. Und von der jungen Chinesin Zou Lei, einer illegalen Einwanderin in New York. Gemeinsam versuchen sie, das Glück zu packen.

Portrait Atticus Lish

Bildlegende: Atticus Lish erzählt von der trostlosen Kehrseite des amerikanisches Traums. ZVG / Shelton Walsmith

Brad Skinner kommt frisch zurück aus dem Irakkrieg. Er trampt nach New York – an Pennsylvania, wo seine Mutter und Bruder leben, fährt er vorbei. Er scheint ein «Loner» zu sein – einer ohne feste Bindungen und fast ohne Vergangenheit.

Wie es in ihm aussieht, erfährt man nicht. Nur, dass er sich an die Idee klammert, «dass die Lust auf Leben schon wiederkommen würde, wenn er nur ordentlich einen draufmachte.» Im New York der Hinterzimmer und No-go-Areas trifft er auf die junge Zou Lei, die sich als illegale Einwandererin mit Küchenjobs und erpresserischen Löhnen durchschlägt.

Mit Muskelkraft gegen das feindliche Leben

Beide sind sie körperlich stark und innerlich von Überlebenswillen erfüllt. Aber der Krieg, den Skinner überstanden hat, ist nicht vorbei. Die erlebte Gewalt meldet sich in Flashbacks und Alpträumen zurück. Depression wird zur Bedrohung für Skinner und für die junge Beziehung. Und so steht die körperliche Stärke der beiden gegen ihre Hilflosigkeit, gegen die drohenden Abstürze: Drogen, Alkohol, Armut und die weiteren Stationen in existenzielle Abgründe.

Ein unkonventioneller Weg

Autor Atticus Lish, 43, der mit diesem Buch gleich den PEN/Faulkner Award 2015 gewinnt, hat selbst einen eigenwilligen Weg hinter sich. Als Sohn des berühmten Verlegers Gordon Lish entstammt er der intellektuellen New Yorker Elite. Vom Vater, der sich durch manipulatives Kürzen im Werk des grossen Raymond Carver einen nicht nur guten Namen gemacht hat, distanziert sich der Sohn massiv.

Seit jungen Jahren ist Atticus Lish fasziniert von Japan und China: Er eignet sich die Sprache Mandarin an, verlässt Harvard, ist kurze Zeit bei der Armee und arbeitet auf dem Bau, in Küchen, als Wachmann, bevor er mit über 30 seinen Abschluss in Harvard doch noch macht.

Schreiben aus der Mündlichkeit

Für sein eigenes Schreiben orientiert er sich an Hemingway, an dem ihm die fast mündliche Direktheit gefällt. Für den Roman versucht er, nicht einfach Hemingway zu imitieren, sondern die eigene Stimme zu finden. In einem Interview sagt er, dass ihn immer das Ursprüngliche interessiert – und er deshalb nach einer literarischen Sprache suche, die so stark wie möglich aus der Mündlichkeit komme.

Wie ein Actionfilm

«Vorbereitung auf das nächste Leben» beeindruckt – und ist doch auch schwer auszuhalten. Es ist gewagt, sich als Autor so nah an die unerträgliche Kehrseite von Amerika zu begeben und dies seinen Lesern auch zuzumuten. Lesend bewegt man sich durch den Roman wie durch einen Actionfilm, der selten verlangsamt und sich dem Innenleben der Figuren kaum zuwendet.

Auch in Zukunft darf man mit Lish rechnen: Er hat es zu seinem Lebensziel erklärt, 20 Romane zu schreiben. Verlangsamung ist unter diesen Umständen kaum zu erwarten.

Buchhinweis

Atticus Lish: «Vorbereitung auf das nächste Leben», Arche Verlag 2015