Auf Spurensuche in L.A.

In Anna Stothards Entwicklungsroman ist eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst – vor der einzigartigen Kulisse von Los Angeles. Doch nicht nur der Ort des Geschehens ist attraktiv: Der Roman «Pink Hotel» hat alles, was ein Buch lesenswert macht.

Blick von einem Balkon über die Millionenmetropole Los Angeles, deren Lichter in der Dämmerung schimmern.

Bildlegende: Grosse Weiten, grosse Hoffnungen: «Pink Hotel» zeigt Los Angeles als Schauplatz der Identitätssuche. Tony Nungaray / Flickr

Die junge Frau hat keinen Namen. Sie sagt von sich selbst: «Ich hatte etwas Nichtssagendes an mir, weshalb ich häufig von Leuten übersehen wurde.» Ihre Mutter hat sie nie gekannt. Sie wurde auch nie geliebt, mag Gewalt viel mehr als Zuneigung. Mit Verletzungen kann sie besser umgehen als mit Umarmungen.

Als die junge Frau vom Tod ihrer Mutter erfährt, reist sie nach Los Angeles. Dort hat ihre Mutter ein Hotel geführt – und dort hofft sie, herauszufinden, wer ihre Mutter wirklich war. Aber die Suche nach ihren Wurzeln führt sie viel weiter. Sie lernt nicht nur, dass ihre wunderschöne, glamouröse Mutter gar nicht so wunderschön und glamourös war. Sie lernt auch, dass sie selbst jemand sein kann, der nicht mehr übersehen wird.

Berührendes Porträt einer jungen Frau

Porträt von Anna Stothard, die vor einem Mikrophon und ein Buch hält.

Bildlegende: Die Autorin Anna Stothard. northlondonreadinggroup / flickr

In ihrem Roman «Pink Hotel» ist der britischen Autorin Anna Stothard ein berührendes Porträt einer jungen Frau gelungen, die sich vom einsamen, orientierungslosen Teenager zu einer selbstbewussten, jungen Frau entwickelt. Aber nicht nur das.

Anna Stothard zeichnet auch ein fesselndes Bild von Los Angeles: In ihrem Buch ist es nicht die Stadt der Filmstars und Cocktailpartys, der Designerkleider und Botox-Gesichter. Es ist die Stadt «der flüchtigen Seitenblicke». Selten sieht man einander direkt an, meistens merkt man gar nicht, was um einen herum geschieht.

Jeder ist mit seiner eigenen Geschichte beschäftigt und hofft, entdeckt und zum Star gemacht zu werden. Die Stadt ist voller Menschen, die auf der Suche nach der eigenen Identität sind. Deshalb ist Los Angeles die ideale Kulisse für den Entwicklungsroman «Pink Hotel».

Ghettoblaster am Strand von Los Angeles

Und Anna Stothard zeichnet auch ein realistisches Bild vom Alltag in Los Angeles. Sie hat zwei Jahre dort gelebt und weiss, wovon sie schreibt. Das Leben am «Venice Beach», zum Beispiel, hat sie genau beobachtet:

« Ein hagerer Mann mit Ghettoblaster auf der Schulter glitt auf Inlinern ans uns vorbei. (…) Es dauerte nicht lange, und nackte Kleinkinder wurden in Einkaufswagen über die Promenade geschoben. Sie tranken Milchshakes aus Bechern, so gross wie sie selbst. Auf dem Gehweg wurden DJ-Decks aufgebaut, und ferngesteuerte Spielzeugtrucks rammten unsere Bank, angekläfft von winzigen Hündchen in albernen T-Shirts. »

Oft sind es aber auch trostlose, deprimierende Szenen, von denen Anna Stothard erzählt. Wenn sie zum Beispiel zu Beginn des Romans die «Totenwache» der Mutter der jungen Frau beschreibt: eine exzessive Party, auf der die Leute «tanzten und redeten und koksten und tranken.»

Versöhnlich, aber nicht kitschig

Der Roman «Pink Hotel» hat alles, was ein Buch lesenswert macht. Interessante Charaktere, eine fesselnde Geschichte, eine bildhafte Sprache, ein attraktiver Ort.

Aber – und das zeichnet «Pink Hotel» aus – alles ist etwas überdreht. Das Ende ist versöhnlich, aber nicht sentimental. Fazit: beim Lesen spürt man die Sonne Kaliforniens auf den Schultern – und gleichzeitig wird man die Hühnerhaut nie ganz los.

Buchhinweis

Anna Stothard: «Pink Hotel.» Diogenes, 2012.